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„Wir müssen den Schulen Zeit zur Entwicklung geben.“

Interview mit Ministerialrat Wolf Schwarz, Referatsleiter Ganztagsschulen im Hessischen Kultusministerium, am 19. März 2008 zur Auftaktveranstaltung „Ganztagsprogramm nach Maß“ in Frankfurt/Main

Heute findet die vierte Auftaktveranstaltung für 56 Schulen statt, die zum nächsten Schuljahr Ganztagsangebote erhalten, gefördert von der hessischen Landesregierung im „Ganztagsprogramm nach Maß“. Wie hat sich die hessische Schullandschaft seit Beginn des Programms verändert?

Wolf Schwarz Wir erleben einen Riesenschub. Durch das Programm „Ganztagsschule nach Maß“ gab es einen rapiden Ausbau an Ganztagsschulen. Vor 2001 waren Ganztagsschulen nur in Nordrhein-Westfalen und in den neuen Bundesländern weit verbreitet. In Hessen sind wir da erst in den Ausbau eingestiegen. Damals gab es 130  Ganztagsschulen, zum Schuljahr 2008/09 werden es 530 sein.  Wir haben damit mehr als Rheinland Pfalz ausgebaut. Wir möchten jede Schule, die es will, bis 2015 zur Ganztagsschule machen.

Das ist ein beträchtliches Wachstum. Was heißt das für die Qualität der Ganztagsschulen in Hessen?

Wolf Schwarz Es ist eine Vielzahl von Ganztagsmodellen mit unterschiedlichen Konzepten entstanden. Wir evaluieren natürlich den Schulen selbst, aber auch extern. In der StEG-Studie zur Entwicklung von Ganztagsschulen steht Hessen sehr gut da. Ich bin froh über die Begleitung durch die Wissenschaft. Das ist die erste qualitative Langzeit-Studie über Ganztagsschulen in Deutschland seit 20 Jahren. Wir erarbeiten gerade ein Qualitätskonzept für Ganztagsschulen, das im Sommer verabschiedet werden soll. Natürlich sehen die Schulen durch offene Angebote selbst sofort, was bei den Schülern ankommt, wer am Nachmittag bleibt. Viel hängt vom lokalen Umfeld ab, welche Kooperationen die Schule eingeht. Eltern werden immer musische oder sportliche Angebote als Ergänzung suchen.

Die meisten Ganztagsschulen bieten im Moment nur eine Pädagogische Mittagsbetreuung an. Das ändert noch nicht viel an der klassischen Halbtagsschule, oder?

Wolf Schwarz Pädagogische Mittagsbetreuung ist das Einsteigermodell in den Ganztag. Die Teilnahme ist freiwillig. Die Schule muss an mindestens drei Wochentagen bis 14.30 ein Angebot zur Hausaufgabenbetreuung, Förderung sowie weitere Wahl- und Freizeitangebote gestalten. Uns ist vor allem die Betreuung der jungen Schulkinder in der Grundschule und 5. bis 7. Klasse wichtig. Wenn das etabliert ist, kann das Ganztagsangebot ausgebaut werden und sich die Schule zu einer offenen Ganztagsschule und weiter zu einer gebundenen Ganztagsschule entwickeln, wenn sie das möchte.

Kann sich eine Schule, die offiziell im Herbst mit dem Ganztagsangebot, also der Pädagogischen Mittagsbetreuung beginnt, auch schneller zur offenen oder gebundenen Ganztagsschule entwickeln?
 
Wolf Schwarz Je nach Schulform gibt es unterschiedliche Entwicklungsschritte. Aber am Anfang sollen die Schulen erst einmal Erfahrungen sammeln mit kleinen Budgets. Wie sie damit umgehen. Es war eine Entscheidung der Landesregierung bei knappen Ressourcen wenig an viel zu verteilen, um anzufangen. In der nächsten Programmstufe, ab 2009/10 wird es dann Budgets zum Ausbau und für die weitere Entwicklung der Angebote geben.

Eltern, Schüler und Lehrer versprechen sich viel von dem neuen Schultyp. Auch die Öffentlichkeit erwartet, dass die PISA-Ergebnisse durch den Ganztag besser werden. Was kann die Ganztagsschule wirklich leisten?

Wolf Schwarz Die Erwartungen an die Ganztagsschule sind sehr hoch. Bei den Mitteln, die zur Zeit dafür ausgegeben werden, müssen grundlegende Erwartungen auch erfüllt werden. Ich würde vier nennen: Ganztagsschulen sollen eine verlässliche Betreuung gewährleisten, soziales Lernen, Hilfe bei der Persönlichkeitsentwicklung, Qualifizieren durch Förderung ermöglichen. Es darf den Ganztagsschulen aber nicht wie den Gesamtschulen in den 70er Jahren ergehen, die unter dem Erwartungsdruck zusammengebrochen sind. Wir müssen den Schulen Zeit zur Entwicklung geben.

Viele Lehrer und Schulleiter klagen, dass sie bei allem Enthusiasmus für das erweiterte Angebot noch mehr Personal, mehr Ressourcen und weniger Lehrplan bräuchten, um es gut umzusetzen. Zur Zeit hätten Lehrer keine Stunde Zeit, um einfach mal den Stoff zu wiederholen. Wie nehmen Sie diese Kritik auf?

Wolf Schwarz Das Erweiterungsprogramm, das die Landesregierung für 2009/10 angekündigt hat, soll darauf eingehen. Und für das Vertiefen, Wiederholen und Üben von Lehrstoff ist ja auch die pädagogische Mittagsbetreuung am Nachmittag da. Schon in der ersten Qualitätsstufe zeigen die Schulen sehr unterschiedliche Erfolge in der Organisation von Kooperationen, der Verbindung von Unterricht und Angebot mit den gleichen Mitteln. Es gibt dabei viele Beispiele für richtig gute, gemeinsame Konzepte, deutlich verbesserte Kooperationen, auch mit Verträgen, die Entlastung bringen.

Datum: 15.04.2008
© www.ganztaegig-lernen.de



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