LokalePartnerschaften
Gemeinsame Sache machen für die Bildung Eine Reportage von Heike Wells
„…Um ein Kind zu erziehen, braucht es ein ganzes Dorf“, lautet ein afrikanisches Sprichwort. Wie in einem Dorf, einem Stadtteil oder einer Region Schleswig-Holsteins viele gemeinsame Sache machen können für die Bildung – dabei ging es in der Tagung „Bildung gemeinsam verantworten – Entwicklung regionaler Bildungspartnerschaften“.
Eingeladen hatte die Serviceagentur „Ganztägig lernen“ Schleswig-Holstein gemeinsam mit zwei Ministerien (Soziales, Gesundheit, Familie, Jugend und Senioren sowie Bildung und Frauen), dem Städteverband, dem Gemeindetag und dem Landkreistag Schleswig-Holstein. und die beeindruckende Teilnehmerzahl spiegelte das große Interesse am Thema wider: 100 VertreterInnen von Städten, Ämtern und Gemeinden, von Vereinen, Schulen, Jugendhilfe, Verwaltungen und Fachdiensten aus dem gesamten Land waren nach Kiel gekommen.
Moderiertes Eröffnungsgespräch
Schon diese Kulisse illustriert, was Maren Wichmann von der Serviceagentur „Ganztägig Lernen“ einleitend deutlich machte: dass Bildung, gerade zu Zeiten sich weiter entwickelnder Ganztagsangebote, längst nicht mehr Sache der Schulen allein ist. Eine verstärkte Zusammenarbeit aller, die mit Jugendarbeit im weitesten Sinne befasst sind, sei das Gebot der Stunde, „Bildungspartnerschaften“ das Stichwort dazu, sagte Wichmann.
„In Schleswig-Holstein ist die Weiterentwicklung der Kooperation von Jugendhilfe und Schule einer der Ausgangspunkte für die Entstehung der lokalen Bildungspartnerschaften“, heißt es auch in einer gemeinsamen Stellungnahme der beteiligten Ministerien.
Wie solche Partnerschaften konkret aussehen können, welche Chancen sie bieten und welche Stolpersteine zu bewältigen sind, zeigte die Veranstaltung anhand von Fachbeiträgen und praktischen Beispielen. Bei der „etwas anderen“ Einführung – einer moderierten Eröffnungsrunde statt Statements – schlugen zunächst die GastgeberInnen Pflöcke ein:

Von links: Jochen v. Allwörden, Maren Wichmann. Ministerin Dr. Gitta Trauernicht und Staatssekretär Dr. Wolfgang Meyer-Hesemann
Megathema für unsere Kommunen
Von „gemeinsamer Verantwortung“ sprach Sozial- und Jugendministerin Gitta Trauernicht: Schule und Jugendhilfe sollten „auf Augenhöhe“ zusammenarbeiten, die Jugendarbeit könne dabei ihre Professionalität und ihre Erfahrung einbringen. „Wir müssen Schule insgesamt neu denken, weg von einer rein staatlichen Veranstaltung“, forderte der Staatssekretär im Bildungsministerium Dr. Wolfgang Meyer-Hesemann: „Schule muss in der Mitte der Gesellschaft stehen“. Der Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft der kommunalen Landesverbände Jochen von Allwörden sah Bildung als ein „Megathema für unsere Kommunen“ und als wichtigen Standortfaktor.
Dr. Heinz-Jürgen Stolz (DJI München)
Aber nicht wie eine „Spinne im Bildungsnetz“, nahm später Dr. Heinz-Jürgen Stolz vom Deutschen Jugendinstitut in München dieses Bild wieder auf und plädierte für „mehr dezentrierte Ganztagsbildung statt schulzentrierter Gestaltungsformen“, für die Einbeziehung anderer Lernorte und erfahrungsbezogener Lernmethoden. Als zentralen Aspekt seines mit Fachwissen prall gefüllten Vortrages nannte der Fachreferent die Schaffung von „durchmischten Bildungssettings“ und meinte damit quartiers-, schul- und schulformübergreifende sozial heterogene Angebote. Denn in dem Bemühen um „Entmischung“ solch heterogener Strukturen wähnt der Experte Schulen und Jugendhilfe „auf einem gemeinsamen Holzweg“. Er sehe ein deutlich größeres Potential in sozial durchmischten Lerngruppen, etwa in gemeinsamen Ganztagsangeboten für Gymnasiasten und Hauptschüler; das möge in manchen Wissens- und Fachbereichen nicht möglich sein, sehr wohl aber etwa bei kulturellen Projekten oder im Sport.
Zur Theorie dann die Praxis
VertreterInnen von Schulen und Kommunen gaben einen Einblick in die Vielfalt der Herangehensweisen, als sie erfolgreiche Beispiele für lokale Bildungspartnerschaften in Schleswig-Holstein vorstellten. Beispiele ganz unterschiedlicher Art wie das „Netz für Kinder im Holsteiner Auenland“, das eine „neue Lern-, Unterrichts- und Lebenskultur zur Erreichung besserer Entwicklungschancen der Kinder und Jugendlichen“ in und um Bad Bramstedt anstrebt. Oder das „Bildungsnetzwerk Büchen“, bei dem ein Schulzentrum sich zum „kulturellen Mittelpunkt“ eines Amtsbereiches entwickelt. Oder das Stadtteilprojekt „Eichholz aktiv“ in Lübeck, das das Ziel verfolgt, Kinder und Jugendliche „aus der Isolation der virtuellen Welten zurück in den Stadtteil“ zu holen; und schließlich die Initiative „Bildungsstadt Flensburg” mit zahlreichen Bausteinen, exemplarisch genannt die Entwicklung einer Grundschule hin zu einem Familienzentrum.
Eindrucksvoll an allen Präsentationen war die lange Liste der Beteiligten – von Schulen mit ihren Lehrerkollegien, Elternvertretungen und Trägern über zahlreiche Institutionen der Jugendhilfe, Bildungs- und Fördereinrichtungen bis hin zu Kultur- und Sportvereinen, Volkshochschulen, Kulturhäusern, Polizei und Präventionsstellen, privaten Stiftungen und Sponsoren, Wirtschaft, Kirchen und, und, und. Im übertragenen Sinne (fast) das jeweils ganze Dorf also, der ganze Stadtteil, die ganze Region ...
Wichtig an diesem Nachmittag voller Informationen war auch das, was ein Teilnehmer „aktive Pausen“ nannte: die Möglichkeit zum Kontakteknüpfen und zum Erfahrungsaustausch.
Netzwerke knüpfen in der Kaffeepause

Entsprechend angeregt waren die Gespräche, immer wieder neue Runden bildeten sich an den Stehtischen. Und die abschließende Frage- und Diskussionsrunde gab einen Einblick in die Überlegungen der TeilnehmerInnen, so vielfältig wie deren beruflicher und regionaler Hintergrund. Wie kann man Eltern- und Familienbildung stärker berücksichtigen, wie Vorbehalte bei Vereinen abbauen, ihnen die Synergieeffekte einer Zusammenarbeit klar machen? Wie kann man Lehrerkollegien für die Kooperation mit außerschulischen Partnern gewinnen, wie die Sorge um den Verlust eigener Kompetenzen in Verwaltungen entkräften, wie das Beharren auf Zuständigkeiten vermeiden? Round Table zum Abschluss der Veranstaltung.

Von links: Maren Wichmann, Franz-Josef Scholz, Hans-Jürgen Kütbach, Dr. Hein-Jürgen Stolz, Roswitha Neu-roth, Uwe Gaul, Dr. Harry Stossun
Fragen, Anregungen, Bedenken gab es viele und einiges an Antworten und Tipps aus der Referentenrunde – Immer wieder rückten dabei zwei Begriff in der Fokus: der „Faktor Zeit“ und das Bild des langen Atems, den man für die selbst gesteckte Aufgabe braucht. Beide meinen, wenn es um Bildung geht, Ähnliches: Der Weg hin zu lebendigen Bildungspartnerschaften ist steinig, der Abbau von Vorbehalten braucht Geduld und Zeit – und alle Beteiligten nicht nur Engagement, Kompetenz und die notwendigen (Finanz-)Mittel, sondern auch vor allem eines: Beharrlichkeit.
Fotos von HEIKE WELLS
Datum: 27.04.2008 © www.ganztaegig-lernen.de
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