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Grundschule, den ganzen Tag

Am 15. April fand die 1. Fachtagung der Regionalen Serviceagentur „Ganztägig Lernen“ Niedersachsen für Ganztagsgrundschulen und Grundschulen, die auf dem Weg sind, statt. Mit der Themenvielfalt der fünf Workshops, von Praxisbeispielen bis hin zu rechtlichen Aspekten in einer Ganztagsschule, sollten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer Anstöße für die eigene Schulentwicklung erhalten. 2007 gab es 546 Ganztagsschulen in Niedersachsen, vom 1. August 2008 werden es 670 sein. Mit einer Steigerung um fast 20 Prozent in einem Jahr hat der Ganztag in Niedersachsen einen respektablen Sprung nach vorne geschafft. Ab dem 1. August 2008 sind 670 Schulen im Land Niedersachsen Ganztagsschulen.

von Dr. Cornelia Alban

„Wer immer du bist, der zur Beratung diesen Raum betritt, wisse, dass die öffentlichen den privaten Dingen überzuordnen sind.“

Seit dem Jahre 1605 ermahnt diese Inschrift die Osnabrücker Ratsherren beim Betreten des Sitzungssaales, bei allen ihren Entscheidungen stets das Wohl der Stadt und ihrer Bürger im Auge zu behalten. Dieser Ermahnung bedürfen die rund 80 Teilnehmer, die sich aus allen Ecken des Landes zur Tagung auf den Weg gemacht haben, für ihre Schulen wohl kaum. Sie strömen in den inzwischen modern ausgestatteten Ratssitzungssaal der Hausherrin, der Stadt Osnabrück. Von welcher Schule kommen Sie? Haben Sie schon einen Antrag auf Genehmigung zur Ganztagsschule gestellt?, raunt und wispert es zur Begrüßung durch den Saal und schon ist man mittendrin im Thema des heutigen Tages.

Zukunftschancen für die Kinder

Aber nicht nur die Teilnehmerinnen und Teilnehmer verströmen Engagement und Wissbegierde in Sachen GanzTag, auch die Grußworte von Stadt und Land verdeutlichen das gemeinsame Anliegen. Seit 2004 fördert die Stadt Osnabrück drei Ganztagsschulen in einem Stadtteil mit besonders hohem Migrantenanteil aus eigener Tasche, berichtet Reinhard Sliwka. Und das mit Erfolg. So wurde mit dem Ganztagsangebot an diesen Schulen der Übergang zu weiterführenden Schulen, das Erreichen höherwertiger Bildungsabschlüsse unterstützt. Außerdem fördert sie exemplarisch das Kooperationsmodell einer Ganztagsschule mit einem Hort, um die Zukunftschancen für die Kinder zu erhöhen.

Auch Helmut Temming, zuständig für die Ganztagsschule im Niedersächsischen Kultusministerium, findet deutliche Worte. Der ehemalige Leiter einer Ganztagsschule weiß, wovon er spricht, und warnt vor einer Überfrachtung des Themas Ganztagsschule. „Die Ganztagsschule kann nicht alle Probleme des Bildungswesens oder gar alle sozialen Probleme der Gesellschaft lösen, was sie aber kann, ist, Bildungschancen zu verbessern.“ In Niedersachsen geht es zurzeit nicht darum, neue Ganztagsschulen zu gründen, sondern bestehende Halbtagsschulen in Ganztagsschulen umzuwandeln. Dieser Prozess ist viel schwieriger als eine Neugründung einer Schule mit Ganztagsbetrieb. Eine Genehmigung zur Ganztagsschule ändere da erst einmal nichts, wenn man in diesem anspruchsvollen Prozess nicht die innere Struktur der Schule verändert und dies dauert mindestens eine Schülergeneration.

Ansprechpartner und Mittler

Mut zur Veränderung macht Thomas Nachtwey von der Serviceagentur Niedersachsen. Die Agentur bietet den interessierten Schulen Unterstützung über Fachtagungen und Netzwerke. Die heutige Veranstaltung ist der Auftakt, weitere Fachtagungen in den Landkreisen werden folgen. Die Agentur fungiert als Ansprechpartner und Mittler für die Schulen und verknüpft ihr Angebot mit Fortbildungen zu ganztagsrelevanten Themen.

Ganztagsschule aus Sicht der Kinder

Für Oggi Enderlein, Projektleiterin der „Werkstatt Schule wird Lebenswelt“ im Programm „Ideen für mehr! Ganztägig lernen.“, war das entscheidende Motiv, sich mit Ganztagsschule auseinanderzusetzen, die Hilferufe, die Ängste, die Verhaltensauffälligkeiten von Schulkindern. In ihrem Beitrag dokumentiert sie einige, auch für die Zuhörerinnen und Zuhörer, erschreckende Fakten:

  • 44 Prozent der Acht- bis Neunjährigen haben Angst, in der Schule Fehler zu machen
  • 30 Prozent der Siebtklässler leiden unter Schulversagensangst
  • Zwei Drittel der Kinder und Jugendlichen der 5., 7. und 9. Klassen langweilen sich im Unterricht
  • 46 Prozent der Schülerinnen und Schüler der 5., 7. und 9. Klassen geben an, dass sie fast täglich Müdigkeit und Erschöpfung empfinden
  • 40 Prozent der Schüler meinen, dass ihre Lehrer nicht an ihnen persönlich interessiert sind
  • Die Zeit für aktive Bewegung nimmt ab, Beweglichkeit und Ausdauer gehen zurück
  • Die Zeit für Hausaufgaben und Schulwege nimmt zu
  • Das Wohnumfeld ist für ein Drittel der Kinder nicht kindgerecht.

Kinderärzte diagnostizieren immer häufiger Depressionen und Suizidgedanken schon bei Achtjährigen. Auf dem Hintergrund dieser Folie plädiert die Diplom-Psychologin für einen Perspektiv- und Paradigmenwechsel: Weg von der Frage: Wie muss ein Kind sein, damit es der Schule gerecht wird? Hin zu der Frage: Wie muss die Schule sein, damit sie dem Kind gerecht wird?

Was Schülerinnen und Schüler wünschen

Antworten für eine entwicklungsfördernde Schule finden die Kinder und Jugendlichen leicht selbst. Ein schönerer, vielfältiger Schulhof rangiert weit oben auf der Wunschliste, gefolgt von mehr Sport-, Spiel- und Bewegungsangeboten, weniger Hausaufgaben und mehr Gerechtigkeit und Unterstützung durch Lehrer.
Das Nachmittagsangebot der Schule soll ebenfalls mehr Raum für Sport, Spiel und Bewegung beinhalten. Die Kinder wollen mehr in Kleingruppen aus der Klasse zusammen sein, mögen Projektarbeit und möchten Turnhalle und Computerräume nutzen.

Ein großer Vorzug von Ganztagsschule aus Kindersicht ist die Möglichkeit, neben den ausgewiesenen „Kinderprofis“ (Lehrkräfte) auch Menschen aus der „normalen Welt“ (außerschulische Partner) begegnen zu können. Den Kindern die verloren gegangene Lebensqualität zurückzugeben, diese Chance hat die Ganztagsschule, wenn sie sich nicht nur als Institution versteht, in der Kinder geistig gefördert und gefordert werden, sondern als Lebenswelt, in der sie sich auch körperlich, sozial und emotional gesund entwickeln können. Das Szenario von Ganztagsschule als einer offenen, entwicklungsfördernden, bildenden Lebenswelt fand große Zustimmung unter den Teilnehmerinnen und Teilnehmern der Tagung. Solchermaßen visionär gestärkt, eilten sie zu einem der fünf Workshops, in denen Themen wie

  • Jahrgangsübergreifendes Lernen
  • Mittagsverpflegung – wie kann sie gelingen? Schule auf Esskurs
  • Vertragsformen mit außerschulischen Kooperationspartnern an Ganztagsschulen
  • Modell eines Förderkonzeptes an der Ganztagsgrundschule und
  • Qualität in der Ganztagsgrundschule

behandelt wurden.

Von der Quantität zur Qualität

Seit 2003 (155 Ganztagsschulen) ist in Niedersachsen eine große Anzahl von Halbtagsschulen in Ganztagsschulen umgewandelt worden (Schuljahr 2008/2009: 670 Schulen), davon gibt es 113 Ganztagsgrundschulen. Während die Teilnahme am Ganztagsangebot aller Schulformen 36 Prozent beträgt, erreicht das Angebot an Grundschulen nur neun Prozent der Schülerinnen und Schüler. Das gültige niedersächsische Schulgesetz sieht als Regelfall die offene Ganztagsschule vor. Es werden nur offene Ganztagsschulen genehmigt. In der offenen Ganztagsschule findet der Pflichtunterricht zu den in der Halbtagsschule üblichen Zeiten statt. Zusätzliche Bildungs- und Freizeitangebote werden außerhalb der für den Pflichtunterricht reservierten Zeit an bis zu drei Tagen in der Woche platziert und beinhalten die Kooperation mit außerschulischen Partnern. Die Teilnahme ist freiwillig. Helmut Temming vom Niedersächsischen Kultusministerium meint, dass die Gestaltungsfreiheit der Schule, der Erziehungsberechtigten, der Schülerinnen und Schüler in dieser Organisationsform besonders groß ist. Denn „im Umwandlungsprozess stößt die Errichtung einer gebundenen Ganztagsschule bei einem Teil der Eltern auf Skepsis“. Diese können offene Formen mildern.

Eine offene Ganztagsschule, die vollständig mit Lehrerstunden ausgestattet ist, kann Teile ihres Ganztagsangebotes als verpflichtend erklären. Wenn das pädagogische Konzept verbindliche ganztagsspezifische Angebote vorsieht, müssen der Elternrat, der Schulvorstand, der Schulträger und der Träger der Schülerbeförderung zustimmen. Auf diese Weise entsteht eine teilweise offene oder gebundene Ganztagsschule. Fahren dann die Schulbusse die Schule tatsächlich zwei- oder dreimal an und bleibt der Hausmeister länger?, fragt ein Teilnehmer. Das Thema Schülerbeförderung ist im Flächenland Niedersachsen ein brisantes Thema und bewegt offensichtlich alle Gemüter. Hierzu gibt es ein eindeutiges Ja vom Ministerialen, ob offene oder gebundene Form, so die Genehmigung vorliegt, ist die Beförderung sichergestellt.

„Die Ganztagsschule fällt heute aus,
die Busse fahren um 13.30 Uhr.“

Solch eine Ansage aus dem Lautsprecher einer Schule „darf es nicht geben“, empört sich Helmut Temming und formuliert Qualitätsansprüche an eine Ganztagsschule. Wählt eine Schule eine Organisationsform für den gesamten Schulbetrieb, die eine erhebliche Ausweitung der Anwesenheitszeit der Schülerinnen und Schüler und den Einsatz von Ressourcen mit sich bringt, dann besteht für die Schule die Verpflichtung, mit der zusätzlichen Zeit der Schülerinnen und Schüler und mit den Ressourcen verantwortlich umzugehen.
Insbesondere müssen die Angebote

  • den Schülerinnen und Schülern einen Lebensraum für den ganzen Tag bieten,
  • ein Bildungsangebot für alle Schülerinnen und Schüler unterbreiten,
  • zeitlich verlässlich sein,
  • eine veränderte Lernkultur anstreben und nicht nur eine Verlängerung des Unterrichts intendieren,
  • sich für außerschulische Partner öffnen,
  • den Schülerinnen und Schülern formale Anerkennung über Zertifizierungen bieten.

Auf die Zukunft der Ganztagsschule zielen die Fragen der Teilnehmer. Auch hier weiß der Ganztagsschulexperte eine verlässliche Antwort: Die Ganztagsschule hat in den Kommunen und im Land Niedersachsen Priorität. „Das ist in der Politik unumstritten.“

Wer ist denn hier die Minderheit?

Das sind die Schülerinnen und Schüler an der Stüve-Grundschule mit der Muttersprache Deutsch. Die Grundschule mit Schulkindergarten, Ganztagsangebot und Hort ist eine Schule mit besonderem Entwicklungsbedarf und wird seit 2004 von der Stadt Osnabrück als Ganztagsschule gefördert. 83 Prozent der Kinder haben einen Migrationshintergrund, der sich über 15 Ethnien verteilt. Mit 40 Prozent stellen die türkischstämmigen Schülerinnen und Schüler die stärkste Gruppe. 217 Schüler werden dreizügig von 21 Lehrkräften betreut. Und die Schülerzahlen steigen entgegen allen Trends an. „Der Förderbedarf ist vielfältig und unser Förderkonzept bildet ein buntes Mosaik“, berichtet Martin Igelmann, Schulleiter der Stüve-Grundschule.

Die Sprachförderung hat Vorrang in der Schule, soll es doch nicht zu babelschen Verwirrungen kommen, und beginnt bereits im Kindergarten. Fortgesetzt wird Deutsch als Zweitsprache (DAZ) in Kleingruppen und jahrgangsbezogen. Der muttersprachliche Unterricht ist in allen Ganztagsangeboten integriert. Die Ganztagsangebote, egal ob im sportlichen oder musischen Bereich, haben überdies den Vorteil, dass die Schülerinnen und Schüler zwei bis drei Stunden länger in Kontakt mit der deutschen Sprache bleiben. Türkisch, Albanisch, Bosnisch und bald Russisch werden von Muttersprachlern unterrichtet. Denn nicht nur den Kindern mit Migrationshintergrund fehlen sprachliche Vorbilder, auch den deutschsprachigen Kindern fällt das Erlernen der eigenen Sprache nicht leicht. Einen starken Kooperationspartner hat die Schule in dem Verein zur pädagogischen Arbeit mit Kindern aus Zuwandererfamilien (VAPK e. V.). Seit 2004 übernimmt der freie Träger der außerschulischen Bildungsarbeit die Nachmittagsbetreuung in der Stüveschule.

In welche Richtung muss Integration gehen?

Nicht nur an der Sprachenfront hat die Schule zu kämpfen, auch die Lernausgangslage der Schüler ist bedingt durch die soziale Situation des Bezirks problembehaftet. Defizite im grob- und feinmotorischen Bereich, Schwächen in der emotionalen und kognitiven Entwicklung, interkulturelle Differenzen erschweren Integration und bedürfen eines differenzierten individuellen Förderkonzepts. Mit der Erfassung und Fortschreibung der individuellen Lernausgangslage hat die Schule ein einfaches und zeitsparendes Instrument entwickelt, um die Entwicklungsförderung angemessen darzustellen. Für Martin Igelmann ist es ein besonderes Anliegen, eine „bessere Durchmischung der Lerngruppen“ zu erreichen, andererseits der Vielfalt und den Potenzialen der Schüler gerecht zu werden. Jeder Schüler hat einen individuellen Stundenplan, denn Wahlfreiheit ist Prinzip an der Schule, nur beim Förderbedarf bleibt die Schule hart, da werden die Schülerinnen und Schüler den Förderangeboten zugeordnet.

16.00 Uhr, das Ende der Tagung naht. Klappt das denn, 217 Schüler mit individuellen Lernplänen den ganzen Tag? Wir staunen. „Schon, ich habe das Gefühl, wenn das Angebot treffend ist und passt, dann wird das automatisch Ganztag“, meint Martin Igelmann. An den Nasenspitzen erkennt man, dass GanzTag harte Arbeit ist, aber auch viel bringt. Mögen die Ratsherrinnen und Ratsherrn der Friedensstadt Osnabrück und im Lande Niedersachsen den öffentlichen Dingen, den Kindern und der Ganztagsschule weiterhin gewogen bleiben.

Datum: 27.04.2008
© www.ganztaegig-lernen.de


 



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