Zur Startseite
Das Programm Impulse Veranstaltungen Publikationen Glossar Sitemap Kontakt Impressum
 
„Wenn Zusammenarbeit nicht gelingt,
hat das konkrete Gründe.“

Interview Dr. Heike Kahl

Es gibt viele Ideen und Konzepte, wie mehr Bewegung in die Schulen kommt. Sie sehen einige kritisch und fordern dazu auf, integrativ über Sport und Bewegung nachzudenken und nicht additiv. Warum?

Dr. Heike Kahl Es geht nicht um eine Stunde Sport mehr an der Ganztagsschule. Integrativ heißt für mich zum einen: das ganze Kind im Blick zu haben. Meistens werden die Zuständigkeiten streng geteilt: morgens die Eltern, dann das Kulturministerium und abends die Polizei. Wenn wir was verändern wollen, müssen wir von den Stärken der Kinder ausgehen und von ihren Bedürfnissen. Wer sofort sagt „Das geht nicht“ oder „Dafür haben wir kein Geld“ wird keine Lösung für fehlende Freizeitangebote oder zu wenig Bewegungsraum finden. Zum anderen geht es darum, Sport als Teil einer neuen Kultur des Lernens zu verstehen, in der es sinnvolle Wechsel von Spannung und Entspannung, Denken und Bewegung, Unterricht und Freizeit gibt.

Das heißt, die Vereine und die Schulen müssten eine gemeinsame Perspektive entwickeln für eine sinnvolle Kooperation?

Dr. Heike Kahl Ja, wenn Sportvereine in die Schulen kommen, denken manche nur daran, neue Mitglieder zu werben. Das ist für die Schule nicht so wichtig. Natürlich ist die Zusammenarbeit eine Chance. In unseren Projekten „Let me play“ oder „Die Siedler“ haben wir das oft erlebt und ausprobiert. Es geht. Man muss aber die Perspektive wechseln und gemeinsam überlegen „Wo sind die Bremsen?“, wenn die Zusammenarbeit nicht gelingt. Das hat oft konkrete Gründe. Wenn sich alle Partner fair und konstruktiv an den Tisch setzen, dann kann man gemeinsam etwas verändern, zum Beispiel den Schulhof zum kommunalen Zentrum machen oder eine Brachfläche in der Kommune als Bewegungsraum aktivieren.

Warum ist es so mühsam, gute Ideen und Pläne umzusetzen?

Dr. Heike Kahl Objektiv ist natürlich die strenge Arbeitsteilung und zunehmende Spezialisierung ein Grund. Jeder kann sich auf seine Zuständigkeiten zurückziehen. „Das ist nicht mein Ressort“, „Dafür sind wir nicht da“ oder „Das geht uns nichts an.“ Das ist die Legitimation dafür, sich nicht bewegen zu müssen. Wir arbeiten schon seit Jahren gegen diese Haltung. Wenn ein Lehrer sagt, ich mache meinen Unterricht, alles andere ist mir egal, dann macht er seinen Job nur halb.

Sportvereine sind nahe liegenden Partner für ein Bewegungsprogramm. Sie sind schon da, haben eine Infrastruktur und Trainer. Warum ist die Schwelle für Jugendliche trotzdem recht hoch, sich im Verein zu engagieren?

Dr. Heike Kahl Die Räume der Vereine werden von Gruppen besetzt. Entweder man gehört dazu oder nicht, das ist schon eine Hürde, die man erst mal überwinden muss. Die Formen des Vereinslebens sind für Jugendliche auch nicht adäquat, Mitgliedsbeiträge, Mitgliederversammlungen. Alles ist in Sparten aufgeteilt, kostet Geld. Die Mitgliedschaft im Tennisverein ist für viele recht teuer. Die Kinder und Jungendlichen können sich nicht einfach an der Bushaltestelle treffen und überlegen: was machen wir jetzt.

Wie viel Lust auf Veränderung, Lust zur Gestaltung erleben Sie in den Projekten der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung (DKJS)?

Dr. Heike Kahl Der Druck auf die Schulen wächst genauso wie die Bereitschaft der Schulen, sich mit den Problemen ihrer Schüler auseinanderzusetzen. Natürlich sind selten die Ressourcen da. Aber die Erkenntnis, dass die Bedingungen geändert werden müssen, ist schon viel wert, wenn daraus folgt: „Jetzt fangen wir an.“

Die DKJS arbeitet sowohl konkret und lokal als auch politisch auf Länder- und Bundesebene. Wie kooperativ zeigen sich die verschiedenen Institutionen für ihr Anliegen?

Dr. Heike Kahl Wichtig ist für uns, dafür zu sorgen, dass die Sachfragen im Mittelpunkt stehen und nicht etwa parteipolitische Erwägungen. Aber manchmal entscheiden auch Wahlausgänge, wie die Ressorts in einem Bundesland verteilt werden. Sport landet da möglicher Weise in anderen Zuständigkeiten, manchmal auch bei den „Randgruppen“: Frauen, Kinder und Senioren. In Sachsen sind Bildung und Sport in einem Ministerium vereint, und diese direkte Verbindung macht viel Sinn und für unsere Arbeit vieles einfacher. Wichtig ist doch zu fragen: Wie können wir Sport und Schule besser machen? Wir finden überall in der Politik und in der Wirtschaft Partner, die sich für die DKJS stark machen und mit uns etwas bewegen.Nicht nur auf der Projektebene, sondern auch langfristig.

Das Interview führte die Journalistin Gesine Wulf



Themen
Praxis & Materialien
Serviceagenturen
Schulentwicklung