Ein unerschlossenes Feld?

Leistungsbewertung und Partizipation
Die meisten Menschen können sich eine Schule ohne Zensuren nicht vorstellen. Zensuren sollen ein objektives Maß für Leistungen sein und Leistungen vergleichbar machen. Von den meisten Schüler/innen werden Zensuren jedoch als unangenehmes Disziplinierungsmittel und ungerechtes Bewertungsinstrument empfunden, das zu einem Urteil über die eigene Persönlichkeit und Zukunft wird. Die Zensuren entscheiden darüber, wie die Stimmung in der Familie ist, sie bestimmen das Selbstwertgefühl eines Kindes oder Jugendlichen, sie entscheiden über Sitzenbleiben, „Abschulen“, Abschlüsse, Bildungs- und Berufskarrieren.
Stefanie Vogelsaenger • Wolfgang Vogelsaenger
Alle, die genauer über dieses Thema nachdenken, wissen jedoch, dass Zensuren nicht objektiv sein können und häufig ungerecht sind, dass sie Leistungen nicht vergleichbar machen und auch kein geeignetes Maß für die individuelle Leistung sind. Zensuren können nur das zensieren, was eine Lehrkraft als messbar definiert hat, sie sind punktuell und nur in den seltensten Fällen prozessorientiert. Zudem sind sie stark von der einzelnen Lehrkraft, ihren Vorurteilen und Einschätzungen abhängig und damit subjektiv, sie ordnen Schüler/innen schematisch in Schubladen ein, die ihrer Persönlichkeit und ihren individuellen Lernerfolgen jedoch nicht angemessen sind. Jeder Lehrer und jede Lehrerin kennt die strategischen Überlegungen bei der Notengebung, ob man zum Beispiel einem Schüler lieber eine 3- oder eine 4+ gibt, um ihn entweder durch eine gute Note zu motivieren oder ihn lieber durch eine schlechtere Note wachzurütteln. Hinter solchen Gedanken steht häufig der verzweifelte Versuch, nicht nur das Ergebnis, sondern auch den Prozess der Lernentwicklung mit einer Zensur zu beeinflussen oder in die Bewertung einfließen zu lassen.
Auch wenn Zensuren aus wissenschaftlicher Sicht ein fragwürdiges Instrument der Leistungsbeurteilung sind, haben sie zweifellos einen entscheidenden Einfluss bei Bewerbungen um Stellen oder Studienplätze. Insofern ist es wichtig, die Zensuren so zu erteilen, dass sie Ergebnis eines Prozesses sind, an dem Lehrer/innen, Schüler/innen und Eltern partizipieren. Schriftliche Lernbeurteilungen – zum Beispiel in Form von Briefen oder eines gemeinsam erarbeiteten Kompetenzrasters –, die an Schüler/innen und Eltern ausgegeben werden, sind Noten eindeutig vorzuziehen. Solche differenzierten Lernbeurteilungen setzen sich aber nur schwer in unserer Gesellschaft durch, da die Meinung vorherrscht, eine Zensur könne eine eindeutige Auskunft über entsprechende Leistungen und Kompetenzen geben. Tatsächlich zeigt eine Zensur aber vor allem an, in welchem Maße sich ein Schüler oder eine Schülerin diesem Bewertungssystem angepasst hat.
Täglich wird Schülerinnen und Schülern ihr jeweiliger Leistungs- bzw. Lernstand von den Lehrer/-innen rückgemeldet. Häufig erfolgen diese Beurteilungen aber ohne Beteiligung der Lernenden:
- Die Bewertungskriterien sind nicht transparent.
- Die Beurteilungen werden nicht miteinander besprochen.
- Die Schülerinnen und Schüler fühlen sich der Bewertung der Lehrkraft oft ausgeliefert und haben keine Einflussmöglichkeiten.
- Die Schülerinnen und Schüler werden nicht in ihrer Selbsteinschätzung trainiert, sie fließt auch nicht in die Beurteilung mit ein.
Bewertungsroutinen anders gestalten

Wir wollen Möglichkeiten aufzeigen, wie man diese Bewertungsroutinen anders gestalten kann. Schülerinnen und Schüler sind durchaus in der Lage, ihre Lernfortschritte und ihren Leistungsstand selbst zu beurteilen. Sie erlernen dabei verschiedene Kompetenzen: sich selber einzuschätzen, ihre Arbeitshaltung und Zusammenarbeit mit anderen zu reflektieren und sich mit der Fremdwahrnehmung ihrer Mitschüler/innen und Lehrkräfte auseinanderzusetzen. Wir werden Beispiele aufführen, wie eine neue Form der Bewertung zu einem festen Bestandteil der Beurteilungspraxis einer Schule werden kann.
Entscheidend für die Aussagefähigkeit einer Zensur ist der Leistungsbegriff, der ihr zugrunde liegt. Zensiert man lediglich das Ergebnis, zum Beispiel die Anzahl der gelösten Aufgaben, die erreichten Zentimeter beim Weitsprung, die richtig genannten Flüsse Europas, die korrekt geschriebenen Wörter im Diktat, oder bewertet man auch den individuellen Lernprozess? Erhalten Schüler/innen die gleiche Zensur, wenn sie bei der gleichen Anzahl von Mathematikaufgaben richtig gerechnet haben, oder wird in die Bewertung auch einbezogen, ob ein Schüler oder eine Schülerin in den letzten Jahren deutlich weniger oder deutlich mehr Aufgaben richtig gelöst hat? Soll wirklich nur die erreichte Sprungweite Grundlage für die Zensur sein? Denn diese Leistung ist doch auch abhängig von Körpergröße, Gewicht und Sportlichkeit eines Schülers oder einer Schülerin. Sollte also nicht die individuelle Ausgangslage des Einzelnen eine Rolle bei der Beurteilung seiner Endleistung spielen?
Eigentlich wäre ein solches Vorgehen selbstverständlich, da es für die Leistungsbeurteilung nicht unwichtig sein kann, von welchem Ausgangspunkt ein Lernender startet, um eine bestimmte Leistung zu erreichen. Ein Schüler, der zum Beispiel mit Lese-Rechtschreib-Schwierigkeiten startet und es dennoch schafft, nach sechs Jahren fast so wenig Fehler zu machen wie jemand, der keine derartige Belastung hatte, hat doch eindeutig mehr geleistet. Aber in welcher Zensur schlägt sich diese Leistung nieder?
Leistungsbewertungen sind immer subjektiv?

Wenn der gleiche Deutschaufsatz zehn Deutschlehrern zur Korrektur gegeben wird, werden am Ende vermutlich vier oder fünf verschiedene Notenstufen herauskommen. Das gilt übrigens auch für das Fach Mathematik, in dem scheinbar so objektiv beurteilt wird. Dieses subjektive Bewertungssystem, das gravierende Auswirkungen auf das Selbstbewusstsein und die Karriere von Schüler/innen hat, sollte deshalb durch partizipative Elemente qualitativ entscheidend verbessert werden. Zunächst einmal muss allen Beteiligten klar sein, welche Kriterien einer Beurteilung zugrunde liegen:
- Wie hoch sind die Anteile mündlicher und schriftlicher Leistungen?
- Welche Leistungen gehen in den mündlichen Bereich ein?
– Hausaufgaben – Mappenführung – Mündliche Beteiligung – Referate – Langzeitthemen – Pünktlichkeit – Fehlzeiten – Selbstständiges Lernen – Problembewusstsein – Urteilsfähigkeit – …
- Wie werden bei mündlicher Beteiligung Qualität und Quantität gewichtet?
- Wie wird die individuelle Lernentwicklung, wie wird die Lernausgangslage in der Zensierung berücksichtigt?
- Gibt es eine Orientierung an Grundanforderungen und erweiterten Leistungsanforderungen?
- Wird der zu erwartende Abschluss in Relation zu den Leistungsbewertungen gesetzt?
- Werden nur Einzelleistungen oder auch Gruppenleistungen bewertet? Wie?
- Werden die für das künftige Leben wichtigen Faktoren – zum Beispiel Teamfähigkeit, Motivation, Begeisterungsfähigkeit, Verantwortlichkeit, die Fähigkeiten zu präsentieren oder auf andere Menschen zuzugehen – mit berücksichtigt?
- Geht eine Entwicklung in der Persönlichkeitsbildung, im Umgang mit dem eigenen Körper
(Gesundheit), den Mitmenschen und der Umwelt in eine Leistungsbewertung mit ein?
- Werden Zielvereinbarungen berücksichtigt, die man getroffen hat, um den eigenen Lernprozess zu optimieren?
Es ist wichtig, sich immer wieder bewusst zu machen, dass Leistungsbewertungen subjektiv sind. Wie will man ein Bild, eine Interpretation, ein Gedicht, einen englischen Essay, eine Erörterung objektiv beurteilen? Doch wo ist der Ausweg aus dem Dilemma der subjektiven Beurteilung im schulischen Bewertungssystem und der Erwartung der Gesellschaft, auf objektive, verlässliche Daten zurückgreifen zu können?
Der Ausweg liegt sicher nicht in zentralen Prüfungen, die landes- oder sogar bundesweit formuliert werden. Wie sollte dadurch etwas objektiver werden, wenn die Bewertung der zentral gestellten Aufgaben dann doch wieder subjektiv erfolgt? Wenn Leistungen nicht wie in der Führerscheinprüfung auf richtig und falsch reduziert werden können, dann sind Beurteilungen immer subjektiv. Niemand kann in einer Klasse, in einem Jahrgang, in einer Schule, einer Stadt, einem Bundesland oder gar weltweit individuelle Leistungen objektiv beurteilen, nicht einmal dieselbe Lehrkraft an zwei Tagen bei derselben Arbeit desselben Schülers.
Objektivität durch Einbeziehung

Unser Vorschlag geht deshalb in eine andere Richtung: Beziehen Sie bei der Beurteilung die Schüler/innen und Eltern mit ein, stehen Sie dazu, dass Beurteilungen subjektiv sind und fehlerhaft sein können. Um eine individuelle Schülerleistung angemessen beurteilen zu können, ist es sinnvoll, die subjektive Beurteilung der Lehrkraft durch weitere subjektive Beurteilungen – nämlich von Schüler/innen und Eltern – anzureichern und somit das Bild differenzierter zu machen. Diese Haltung würde auch erheblichen Druck von den Lehrkräften nehmen, da sie nicht mehr länger den Anspruch verteidigen müssten, im Besitz der einzig richtigen Lösung zu sein.Um dieses Ziel zu realisieren, ist es zunächst einmal wichtig, die oben aufgeführten Kriterien der Bewertung mit den Eltern und Schüler/innen zu diskutieren und sie gemeinsam mit ihnen zu ergänzen und zu modifizieren. Auf diese Weise kann ein von allen akzeptiertes Bewertungssystem gestaltet werden.
Ein weiteres wichtiges Element, das unbedingt einbezogen werden sollte, ist die Selbsteinschätzung der Schüler/innen. Ein Zeugnis sollte erst dann gültig sein und den Eltern vorgelegt werden, wenn jeder Schüler bzw. jede Schülerin eine Stellungnahme zum eigenen Lernprozess abgegeben hat. Grundlage für eine derartige Stellungnahme könnte der oben aufgeführte Kriterienkatalog sein. Die Selbsteinschätzung darf sich jedoch nicht auf die Angabe von Noten beschränken, sondern sie muss eine Vielzahl von Aspekten beinhalten: die individuelle Ausgangslage, die Rahmenbedingungen für eine Entwicklung, die Zielvereinbarungen für den Lernzeitraum und die selbst wahrgenommenen Entwicklungen, ebenso die Möglichkeit für Kritik an den gegebenen schulischen Rahmenbedingungen. Beides – sowohl die Bewertung der Lehrer/innen als auch die Selbsteinschätzung der Schüler/innen – sollten als Einheit an die Eltern gehen und Grundlage für ein Gespräch zur individuellen Leistungsentwicklung sein. Ein solches Konzept verfolgt das gesamtgesellschaftlich äußerst wichtige Ziel, die individuelle Lernentwicklung so zu gestalten, dass jedes Kind oder jeder Jugendliche ein Optimum an Leistungen bringen und die Gesellschaft insgesamt mit seinen Fähigkeiten voranbringen kann.
Wege aus dem Dilemma

Allein diesem Ziel sollten Leistungsbeurteilungen dienen, nicht der Aussortierung, Bloßstellung und Diskriminierung von Kindern und Jugendlichen. Ein möglicher Weg ist:
- Diskutieren Sie mit Ihren Schüler/innen die Kriterien Ihrer Leistungsbewertung.
- Geben Sie Ihren Schüler/innen zwei Wochen vor den Zeugnissen zwei Stunden Zeit, um auf etwa drei Seiten anhand dieser Kriterien eine eigene Stellungnahme zu ihrer persönlichen – allgemeinen und fachspezifischen – Lernentwicklung anzufertigen. Händigen Sie den Elternbeide Teile der Leistungsbewertung aus.
- Diskutieren Sie auf der Grundlage dieser beiden Dokumente den Lernstand jedes Kindes oder Jugendlichen ausführlich mit den Eltern und den Schüler/innen selbst. Vereinbaren Sie Ziele mit Eltern und Schüler/innen für das nächste Halbjahr, die dann wieder Grundlage für die nächsten Leistungsbewertungen oder besser Lernentwicklungsberichte sind. Eine gute Basis für Zielvereinbarungen sind auch Kompetenzraster, die für immer mehr Fächer zur Verfügung stehen. Ihr Einsatz kann eine völlige Veränderung der schulischen Lernprozesse initiieren.
Auszüge aus: Partizipation als gelebte Gestaltung des Schulalltags Stefanie Vogelsaenger • Wolfgang Vogelsaenger
Datum: 7.05.2008 © www.ganztaegig-lernen.de
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