Partizipation in der Ganztagschule
– eine Frage der Einstellung
Am Mittwoch, den 23. April, fand das 8. Netzwerktreffen Nord der Serviceagentur „Ganztägig lernen“ Sachsen Anhalt statt. Gastgeber war die Comenius Ganztagssekundarschule in Stendal. Im Mittelpunkt des Austausches standen die Möglichkeiten der Schüler-, Eltern- und Lehrerbeteiligung bei der Gestaltung des Ganztags und die Wertschätzung dieses Engagements. Gesine Wulf hat das Netzwerktreffen besucht und berichtet von einem Tag voller Ideen in Stendal.
von Gesine Wulf
Ein ganz normaler Schultag. 9.30 Uhr. Der Unterricht hat schon begonnen. Auch im Raum 114 der Comenius Ganztagssekundarschule. Hier sitzen aber keine Schüler, sondern acht Lehrerinnen an einer langen Tafel. Sie sind zum „Netzwerktreffen Nord“ der Serviceagentur „Ganztägig Lernen“ Sachsen-Anhalt gekommen, einige zum ersten Mal. Von den fünf Schulen, die zum Netzwerk gehören, fehlen leider zwei. Das macht die kleinste Netzwerk-Gruppe Sachsen-Anhalts noch etwas kleiner. Eine Lehrerin und eine Mutter sind als Gäste eingeladen, um ein Projekt zu präsentieren, das sie gemeinsam entwickelt haben. Der Beamer steht dafür schon brummend bereit. Die Moderatorin des Netzwerkes, Brigitte Wischeropp, selbst Lehrerin in Wolmirstedt und als abgeordnete Lehrerin zwei Tage pro Woche in der Serviceagentur aktiv, bittet die Teilnehmerinnen um eine kurze Vorstellung. Der erste Punkt auf der Agenda des Treffens steht auch schon groß an der Tafel geschrieben: „Partizipation in Schule und Unterricht“. Dr. Angelika Wolters, Lehrerin aus Magdeburg. Teilzeit-Mitarbeiterin in der Serviceagentur und Regionalberaterin für das Förderprogramm „Demokratisch Handeln“, führt in das Schwerpunktthema ein.
Früher war alles anders. Und heute?
Angelika Wolters beginnt ihren Beitrag interaktiv. Sie bittet die Kolleginnen, auf gelben und blauen Zetteln Stichworte zu notieren, wie ihre eigene Schulzeit war und wie sie die Schule heute erleben. Die Zettel werden an der Tafel auf Packpapierbahnen geklebt. Links die Vergangenheit, rechts die Gegenwart. Angelika Wolters versammelt die Gruppe davor zum Gespräch. „Was war typisch für damals?“, fragt sie. Die eigene Schulzeit fand bei allen Teilnehmerinnen in der DDR statt. Von den 50er Jahren bis zu den 80ern reichen die Erinnerungen. Als erstes fallen die Worte „Respekt“ und „Autorität“. Das bejahen viele. Einige Teilnehmer würden den Stil der Schule auch „autoritär“ nennen. Als das Wort an der Tafel steht, gibt es Einwände. „Mir gefällt das Wort nicht.“ „Es ist hässlich.“ Sollte man lieber „respektvoller Umgang“ schreiben? Schon ist die kleine Gruppe in einer lebhaften Diskussion. Andere Erinnerungen sind schneller konsensfähig.
„Frontalunterricht“ und „Auswendig lernen“ beschreiben den Schulalltag. „In den Familien hatte jeder seine Aufgaben und Pflichten.“ „Aggression und Zerstörungswut waren weniger sichtbar.“ „Wir waren viel draußen zum Spielen.“ „Es gab mehr feste Freundschaften.“ „Viele gemeinsame Aktivitäten, Pioniernachmittage, Altpapiersammeln.“ Angelika Wolters sortiert die Beiträge und fragt dann: „Wie ist das heute?“ Die Antworten sind vielfältig. „Die Freizeit findet am Computer statt.“ „Alkohol, Drogen und Abgammeln.“ „Die Schüler fühlen sich schnell überfordert.“ Dazu fällt der Gruppe viel ein, es beginnen kleine Gespräche. Die Referentin bittet darum, ausreden zu lassen und zuzuhören. Eine Teilnehmerin erinnert daran, dass am Gymnasium die Erfahrungen anders sein können als an Sekundarschulen.
Doch der Eindruck bleibt, dass die Mehrzahl der Schüler heute schwierig sei. „Wenn wir sagen, seid doch mal ruhig, funktioniert das kaum.“ Eine Lehrerin konstatiert: „Wir sprechen wieder über die Symptome. Eigentlich müssten wir über uns sprechen. Wenn die Kinder heute so sind, dann hat das doch etwas mit uns zu tun.“ Die Papierbahnen sind inzwischen voll geschrieben. Die Gruppe versammelt sich wieder am Tisch. Angelika Wolters fasst die größten Unterschiede zwischen „damals“ und „heute“ zusammen. Die Kinder seien selbstbewusster als früher. Einige überbehütet, andere mitunter recht unerzogen. Geld spiele eine große Rolle. Lehrkräfte und Schule würden kritisch betrachtet. Es werde mehr diskutiert und in Frage gestellt als früher.
Das Lernen zum gemeinsamen Thema machen.
Angelika Wolters leitet mit diesen Thesen ihr Impulsreferat zur Theorie und Praxis der Partizipation in der Schule ein. Zur Einstimmung spielt sie eine Tonbandaufnahme des Erziehungswissenschaftlers Wolfgang Klafki über das „pädagogische Verstehen“ vor. Klafki sagt, Lehrer hätten die Aufgabe, die Schüler auf die Wirklichkeit vorzubereiten. Das könne nur gelingen, wenn sie die Kinder in ihrer subjektiven Situation zu verstehen versuchen. „Wer junge Menschen in der Schule nur als Schüler betrachtet, versteht sie auch als Schüler nicht.“ Der Satz klingt noch eine Weile im Raum nach. Angelika Wolters weist daraufhin, dass das Schulgesetz von Sachsen-Anhalt im §1 „die Ausbildung eines demokratischen Verhaltens“ als Teil des Bildungs- und Erziehungsauftrags bezeichne. Partizipation sei der Schlüssel für diesen Auftrag. Dabei ließe sich Partizipation im Unterricht nicht von Partizipation in der Schule trennen.
Transparenz der Schulleitung und Mitbestimmung im Elternbeirat und Schülerrat seien die Basis. Sie wolle vor allem Impulse zur Partizipation im Unterricht vorstellen. Damit Schule sich gemeinsam zur Zufriedenheit aller weiter entwickelt, werde Partizipation gebraucht. Sie ermögliche Identifikation aller Beteiligten mit der Schule. Sie steigere den Lernerfolg von Schule. Lernende müssten merken, dass sie das Lernen und den Lernerfolg mitgestalten können, so Angelika Wolters. Das bedeute nicht, Schüler würden den Unterricht bestimmen, sondern dass der Lehrende seinen Unterricht transparent gestalte und am Ende auch darüber diskutieren lässt. „Ich frage die Schüler und Schülerinnen oft: Würdet ihr die Methode weiter empfehlen? Warum?“ Die Lernenden reagieren darauf erstaunlich konstruktiv, sie fühlen sich einbezogen. Nach ihrer Erfahrung können Ausdauer und Stetigkeit auch in schwierigen Klassen diese Form der Teilhabe entwickeln. „Ich frage manchmal einfach: Warum haben wir die Übung gemacht?“ Das Ausbilden von Methodenkompetenz stehe auch als Ziel in den Rahmenrichtlinien des Landes. Dafür müssten die Methoden erklärt und reflektiert werden. Das verbessere das Feedback der Lernenden genauso wie ihr Kommunikations- und Kritikverhalten. Partnerschaftliches Lernen wirke sich positiv auf das soziale Klima in der Klasse aus.
Plötzlich stehen viele neue Fragen im Raum.
„Partizipation muss trainiert werden, wie im Sport, sonst verkümmern die Muskeln“, sagt Angelika Wolters. Am besten gelinge Partizipation, wo sie zur Regel wird. Angelika Wolters schließt ihr Referat mit dem Hinweis: „Die größte Schwierigkeit für uns Lehrkräfte besteht wohl darin, aus der Rolle des Kontrolleurs in die Rolle des lehrenden Moderators zu finden.“ Sofort stellt sie ihr eigenes Referat zur Diskussion und bittet um Gedanken: „Was hat mich angesprochen? Was habe ich nicht verstanden? Welche Hinweise möchte ich geben?“
Das Gespräch beginnt stockend. Der Vortrag hat die Gedanken der Zuhörerinnen in viele Richtungen geschickt. „Ich kam noch nicht auf die Idee, meine Schüler zu fragen. Deshalb weiß ich nicht, was ich sagen soll“, lautet ein Kommentar. Eine Teilnehmerin stellt fest, wie schwierig Partizipation für sie ist: „Wir beschließen, dass die Schüler ein Buch lesen sollen, weil wir die Klassensätze habe und fragen nicht, was wollen die Kinder lesen, um Ausgaben zu vermeiden.“ In einer kleinen Umfrage stellt sich heraus, dass die meisten Lehrerinnen noch nie Methoden im Unterricht ausgewertet haben.
Das Einbeziehen der Schüler und Schülerinnen in die Themenauswahl haben dagegen schon einige in ihrem Unterricht praktiziert. „Können Sie sich vorstellen, die Schüler zu fragen: "Wie war der Prozess?“ Angelika Wolters stellt den Kolleginnen viele neue Fragen, die die Unterrichtspraxis verändern könnten. Oft hätten Lehrkräfte Angst, dass sie sich angreifbar machen würden. Angelika Wolters betont, dass es bei diesem Dialog mit den Lernenden nicht um eine Bewertung sondern viel mehr um eine Würdigung geht. Das Angebot zur Partizipation würde nicht Infragestellen, sondern Hinterfragen. „Ich finde, dass man alles hinterfragen kann“, ist ihre Überzeugung. Ein schöner Nebeneffekt sei, so Angelika Wolters, dass Lehrer mit einem partizipativen Unterrichtsstil am Ende des Tages mit einem guten Gefühl die Schule verlassen würden.
Eltern bringen das Leben in die Schule.
Nach einer kurzen Pause kommen die Gäste des Netzwerktreffens zum Vortrag. Ihr erstaunliches Projekt beschäftigt die 2b der Ganztagsgrundschule „Johannes Gutenberg“ in Wolmirstedt. Es heißt „Unser Restaurant“. Ausgedacht hat es sich die Mutter Carola Gaudyra, die das Projekt auch leitet. „In Frau Weiß habe ich eine Partnerin gefunden, die meine Streiche mitmacht“, sagt sie über die Klassenlehrerin Manuela Weiß. Manuela Weiß sagt: „So eine Mutti ist ein Glücksgriff.“ Von der Idee bis zum Startschuss vergingen kaum zwei Monate. Projektziel ist, dass die Kinder etwas über „soziale Gerechtigkeit“ lernen. Jeden Dienstagnachmittag trifft sich die Klasse seit Anfang Februar für zwei Stunden, um ein Restaurant zu eröffnen. Die Teilnahme ist freiwillig, aber alle Kinder machen mit.
Erst wurden alle Fragen gesammelt, auf die sie Antworten in verschiedene Restaurants der Stadt suchen wollten. Sie besuchten ein chinesisches, ein griechisches, ein türkisches und ein deutsches Restaurant. Wie man in Italien, Frankreich und Afrika isst, haben die Schüler in der Schule kennen gelernt. Zum afrikanischen Kochen kam sogar der Bürgermeister. Nach der Recherche haben die Kinder beschlossen, dass sie ein afrikanisches Restaurant eröffnen wollen. Seit dem haben sie mit der Afrika-Gruppe des Bodelschwingh-Hauses in Wolmirstedt viel über Afrika erfahren: was es zu essen gibt, womit die Kinder spielen, welche Musik man hört. Einiges aus der fremden Kultur haben sie auch ausprobiert: Wasser tragen auf dem Kopf, Spielzeug bauen aus alten Sachen. Trommeln und Rhythmus klopfen. Zum Schuljahresende im Juli wird das Restaurant für zwei Tage eröffnet. Die Einnahmen werden einem Afrikaprojekt gespendet. Bis dahin müssen die Kinder noch Speisekarten schreiben, Kassieren üben, die Zutaten einkaufen und Probekochen. Neben dem großen Lerneffekt sei vor allem die Begeisterung einzigartig. Die Kinder, gerade auch die Jungs, zeigen ganz neue Talente und neues Engagement. „In der Klasse ist eine große Qualitätssteigerung sichtbar“, berichtet Manuela Weiß.
Ein Beispiel macht Appetit.
Die Teilnehmerinnen des Netzwerktreffens sind begeistert. Eine Kollegin staunt über den langen Zeitraum des Projekts. Eine andere hebt hervor, wie wichtig es ist, dass die Schule sich nach außen öffnet. Wolmirstedt zeige, dass der ganze Ort einbezogen werden kann. Es gibt auch Erfahrungen mit aktiven Großeltern, die in Projekten mitarbeiten. Am wichtigsten sei jedoch der Effekt für die Kinder: Sie würden sich noch lange daran erinnern. Eine Frage, die alle nach dieser Inspiration beschäftigt, heißt: „Wie sprechen wir Eltern und Familien jenseits der Elternversammlung an?“ Einigen fällt auf, dass dazu erst einmal ein anderer Stil gefunden werden muss. Vordrucke als Einladung zum Elterngespräch würden abschrecken.
Auch die weit verbreitete Formulierung „Die Eltern sollen ...“ sei nicht sehr freundlich und kooperativ. Viele Eltern hätten schlechte Erfahrungen mit Schule gemacht, deshalb müssten Lehrer und Lehrerinnen auf die Eltern zugehen und sie anderes ansprechen. Schließlich wollen sie für ihre Kinder das Beste. „Wir müssen den Eltern das Gefühl geben, dass wir ein gemeinsames Interesse haben“, sagt eine Lehrerin. Ein Problem für viele Ideen sei, dass der Instanzenweg oft zur Blockade wird, weil man ‚einen Antrag zum Antrag’ stellen muss. Für viele Projekte gäbe es kein Formular und auch keine Zeit. Die meisten Initiativen – wie auch das Restaurant-Projekt – würden nebenbei, außer der Reihe organisiert.
Auch Wertschätzung will gelernt sein.
Zur letzten Diskussionsrunde nach der Mittagspause sind vier Schüler und Schülerinnen der Comenius Schule in den Raum 114 gekommen. Lisa, Silvana und Steffan sind in der 9. Klasse, Franziska ist in der 7. Klasse. Brigitte Wischeropp, Lehrerin in Wolmirstedt und Mitarbeiterin der Serviceagentur „Ganztägig lernen“ Sachsen Anhalt, moderiert das Gespräch. Es sollen Ideen gesammelt werden, wie Schüler, Lehrer und Eltern mehr Anerkennung für ihren Einsatz finden. Die Sammlung soll der Grundstock einer „Lobkartei“ werden, die die Praxis der Wertschätzung stärken soll, denn an vielen Schulen wird zu selten gelobt. Die Wertschätzung kann materiell oder ideell sein. Am einfachsten ist das Loben der Lernenden. Viele Leistungen können ausgezeichnet werden: Beste Vorleser, beste Naturwissenschaftler, beste Musiker.
Der „Schüler des Monats“ könnte gewählt werden. Auch außerschulische Leistungen sollten gewürdigt werden, oder besonderes Verhalten. Die Form könnten Aushänge in der Schule sein, ein Lob vor der Klasse, die feierliche Auszeichnung in der Aula. Gutscheine sind immer interessant: für Bücher, Kino oder Hausaufgaben. Ein Fond könnte jährlich Preisgeld stiften. Die Schüler fänden auch eine Reise als Anerkennung gut. Für aktive Eltern könnte es Urkunden geben, ein Dankeschön, das die ganze Klasse unterschreibt, ein Jahresrundbrief der Direktorin an die Elternschaft, in dem sie sich für besondere Eltern-Aktivitäten bedankt, Schüler kochen für Eltern als Dankeschön oder sie basteln Geschenke. Ein positiver Eintrag im Hausaufgabenheft würde auch Freude machen. Zum Lob der Lehrer und Lehrerinnen fällt den Schülern und Schülerinnen einiges ein. Ein Lehrerverwöhntag, an dem die ganze Klasse freundlich und konzentriert mitarbeitet. Oder ein Gutschein für „30 Minuten Ruhe“ an einem stressigen Tag. Ein Zeugnis für die Lehrkraft, ein Fotoalbum der Klasse zum Abschied, auch „Lehrer des Monats“ sollten gewählt werden. Die Lehrerinnen in der Runde halten sich mit Vorschlägen zurück. Eine meint, sie freut sich am meisten, wenn die Schüler am Ende der Stunde sagen: „Hat Spaß gemacht.“
Die vorbereiteten Blätter an der Tafel sind bald gefüllt. Die Sammlung wird in den nächsten Tagen an alle Schulen geschickt. Zum Abschluss des Treffens verteilt Brigitte Wischeropp noch einmal farbige Zettel. Hier kann jede Teilnehmerin aufschreiben, was ihr heute gut gefallen hat und was nicht, und sich Themen für das nächste Treffen wünschen. Inzwischen ist es 15 Uhr. Der Schultag verging viel zu schnell. Die kleine Runde hat intensiv zusammen gearbeitet und nachgedacht. Es wird noch einige Treffen geben, bevor Partizipation in den Schulen Alltag ist. Aber heute wurde ein Anfang gemacht. Die Teilnehmerinnen kommen mit einem Kopf voller Ideen an ihre Schule zurück.
Datum: 20.05.2008 Fotos: Heike Wells © www.ganztaegig-lernen.de
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