Psst. Der Klassenrat tagt…

von Hans Christian Ziebertz und Vincent Steinl
Dienstag, 10:30 Uhr Maria-Ward-Schule Aschaffenburg
Es ertönt ein lautes Klingeln, worauf alle Schülerinnen der Klasse 9b ihre Mathesachen wegpacken, die sie für die vorherige Stunde gebraucht haben. Nun folgt die vierte Stunde eines Schultages, der so gewöhnlich und für die meisten SchülerInnen auch so langweilig begonnen hat, wie jeder andere. Doch jetzt wird es anders: In dieser vierten Stunde wird keine einzige SchülerIn der Schule Unterricht haben. Die vierte Stunde dieses Dienstages ist nämlich Klassenrat: Die SchülerInnen haben einmal Zeit für sich und ihre Angelegenheiten; kein Lehrer und keine Lehrerin darf jetzt unterrichten, außer, dies wird von der Klasse gewünscht. Doch was genau passiert denn dann, wenn einmal in der Woche alles anders ist als sonst?
"Zeit für uns!"
Einmal etabliert, gibt der Klassenrat den SchülerInnen in der Schule Raum füreigene Ideen, die Lösung eigener Probleme und Konflikten in der Klasse,die Planung gemeinsamer Aktivitäten kurz: Für mehr Partizipation und mehr Verantwortungsübernahme durch SchülerInnen. Den Klassenrat gibt es in vielen verschiedenen Formen: stärker institutionalisiert, mit gewählten Verantwortlichen für Leitung undSchriftführung und einer festen Agenda oder offener gestaltet, durch den Stundenplan rotierend und mit ausgebildeten Moderatoren aus der Klasse, die für jede Stunde eine eigene Tagesordnung erstellen. Für alle Varianten gibt es Vor- und Nachteile, das Konzept für einen Klassenrat muss jede Schule selbst, gemeinsam mit allen Beteiligten entwickeln. Eines aber ist klar: Der Klassenrat ist eine geniale Möglichkeit, Schule zu verändern, weil die Idee von den an der Schule Verantwortlichen so schwer abgewiesen werden kann.
Die offene Form ist leicht in die vorhandenen Strukturen zu implementieren In der Maria-Ward-Schule Aschaffenburg werden seit einigen Jahren zum Anfang jeden Jahres SchülerInnen aus der Klasse ausgebildet, um den Klassenrat, der nicht Klassenrat, sondern "Zeit für uns" heißt, in ihrer Klasse zu moderieren. Der Klassenrat hat keinen festen Platz im Stundenplan, sondern rotiert, so dass im Laufe eines Schuljahres jeder Lehrer und jede Lehrerin eine Stunde an die SchülerInnen abtreten muss. Diese pragmatische und sowohl versicherungstechnisch einwandfreie, als auch das Budget nicht belastende Variante kann ein schlagendes Argument sein, um die Schulleitung und das Lehrerkollegium von der Etablierung eines Klassenrates zu überzeugen.
Probleme in den Briefkasten
Die SchülerInnen der Maria-Ward-Schule können im Laufe einer Woche ihre Wünsche und Probleme für die Klassenratsstunde in einen Briefkasten werfen, die ModeratorInnen sammeln diese und bereiten die Klassenratsstunde vor.Gibt es einmal keine Rückmeldungen aus der Klasse, findet normaler Unterricht statt. Wenn die Moderatorinnen aber aus den eingegangen Rückmeldungen eine Tagesordnung zusammen stellen und diese dem betreffenden Lehrer bzw. der betreffenden Lehrerin im Vorfeld vorlegen, gibt es keine Algebra, Geographie oder Physik: Dann sind die SchülerInnen dran, über ihre Angelegenheiten zu sprechen, Probleme zulösen und Aktivitäten zu planen, moderiert von SchülerInnen selbst. Und auch die LehrerInnen sind dann meist zufrieden, auch wenn sie ihren Stoff auf die nächste Stunde verschieben müssen.
Denn: Die sogenannten Softskills können nur durch "Zeit für uns" erlernt werden, da man sie im normalen Unterricht und auch in der heutigen Welt nicht mehr mitbekommt, obwohl sie so wichtig sind. "Die formelle Variante ist verbindlicher."
Maria-Sibylla-Merian-Gesamtschule Bochum-Wattenscheid
... hier hat das Lehrerkollegium im Jahr 2000 den Klassenrat als wichtigen Teil des pädagogischen Konzepts der Schule gemeinsam mit den SchülerInnen zunächst nur für die Sekundarstufe 1, mittlerweile aber in allen Klassenstufen eingeführt: Abwechselnd ist immer eine Gruppe von SchülerInnen für die Vorbereitung der Klassenratsstunde verantwortlich eine SchülerIn aus dieser Gruppe übernimmt die Leitung des Klassenrats, eine andere ist Protokollverleserin, ein anderer schreibt Protokoll, wieder eine andere ist Zeitwächterin und zwei SchülerInnen haben die Aufgabe, die Klasse während der Klassenratsstunde zu beobachten und Störungen und Auffälligkeiten zu dokumentieren. Auch die Lehrerkraft hat eine feste Rolle im Klassenrat: Er/sie hält sich zwar aus den Diskussionen raus, achtet aber darauf, dass die zuvor vereinbarten Gesprächsregeln eingehalten werden. Der Klassenrat der Maria-Sibylla-Merian-Gesamtschule fällt bindende Beschlüsse, verteilt Aufgaben und überprüft, ob diese auch erledigt wurden. Vor allem aber ist für ihn eine Wochenstunde im Stundenplanfest reserviert!
Aller Anfang ist schwer
Auch wenn diese formelle Variante stärker strukturell an der Schule verankert werden muss und schwerer umzusetzen ist, eines ist sicher: Der Klassenrat ist damit auch eine verbindlichere Einrichtung an der Schule und kann weder von LehrerInnen noch von SchülerInnen einfach ignoriert werden. Aller Anfang ist schwer. Egal welche Variante: Erst gilt es, alle an Schule Beteiligten davon zu überzeugen und sie zu motivieren, gemeinsam das Wagnis einzugehen, den Klassenrat einzuführen und SchülerInnen damit mehr Freiräume zu geben, in eigener Verantwortung die eigenen Angelegenheiten zu besprechen und zu klären.
Erfolg hängt an Begeisterung
Ein erster Schritt könnte eine KlassensprecherInnenversammlung sein, in der die Idee vorgestellt und über eine geeignete Konzeption diskutiert wird. Weiter geplant wird am besten in einer Arbeitsgruppe und da können ja schon engagierte LehrerInnen und Eltern eingebunden werden. Diese Arbeitsgruppe hat die Aufgabe, einen an die Gegebenheiten der Schule angepassten Umsetzungsplan zu erarbeiten und möglichst viele andere Leute mitzubeziehen. Zum Beispiel die Stimmberechtigten in der Schulkonferenz, vor allem die Schulleitung, die am Ende über die Einführung oder die Nicht-Einführung des Klassenrats beschließen. Aber auch alle anderen: Denn LehrerInnen und SchülerInnen, die von der Idee des Klassenrats begeistert sind, entscheiden letztendlich über den Erfolg!
Eigentlich funktioniert nie etwas ohne Probleme
Die Idee des Klassenrats ist perfekt, Probleme sind ausgeschlossen, denn es geht ja genau darum, Raum, um Probleme zu lösen zu geben. Aber so einfach ist es natürlich trotzdem nicht. Gerade am Anfang besteht das Problem, dass einige wenige Quertreiberdas ganze Projekt stören können. LehrerInnen, die keinen Sinn im Klassenrat sehen und die Zeit gerne für ihren Unterricht nutzen würden. Hier hilft nur gutes Überzeugen oder zur Not ein Machtwort von der Schulleitung. Ein schwierigeres Problem sind SchülerInnen, die nicht wissen, was sie mit den Klassenratsstunden anfangen sollen, sie ausnutzen, um Hausaufgaben zu erledigen oder Blödsinn zu machen. Doch dies ist auf keinen Fall ein Argument gegen den Klassenrat. Die nötige Kompetenz,diese Stunden auch zu nutzen und nicht nur zu vertrödeln, kann nur damit gewonnen werden, Angelegenheiten auszuhandeln. Die Sinnhaftigkeit kann nur erkannt werden, wenn die Ergebnisse eines Klassenrats auch von allen ernst genommen werden. Dieser Prozess kann und muss unterstützt werden. Durch Informationsmaterialien und stetiges Begleiten desKlassenrats.
Dann hat sich die Schule wirklich verändert
Aber wenn diese Probleme aus dem Weg geräumt sind, hat sich an Schule wirklich was verändert. Und es macht zum Einen mehr Spaß, zum Anderen ist es effektiver, Probleme gemeinsam zu lösen!
Literatur Daublebsky, Benita; Lauble, Silvia: Eine Handreichung für die Praxis. Der Klassenrat als Mittel demokratischer Schulentwicklung. Berlin,2006. Im Internet unter  Giese, Christiane: Klassenrat. Berlin, 2004. Im Internet unter Ziebertz, Hans Christian; Spreiter, Elias: Unterricht selbstbestimmt.In: Dokumentation der Forschungsarbeit des SchülerInneninstituts2005/2006. Seiten 26-27.
Internet Bildungswerk für Schülervertretungsarbeit in Deutschland e.V.  Maria-Sibylla-Merian-Gesamtschule Bochum-Wattenscheid  Maria-Ward-Schule Aschaffenburg  Demokratie lernen & leben  SchülerInneninstitut der LSV Bayern 
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