Lebensraum Schule
Immer mehr Grundschulen machen sich auf den Weg – zur Ganztagsschule. Inzwischen gibt es im Land Niedersachsen 58 Ganztagsgrundschulen in offener oder teiloffener Form. Im Schuljahr 2008/2009 werden es fast doppelt so viele sein , nämlich 113. Im Jahr 2007 wurden in Braunschweig vier Grundschulen in offene Ganztagsschulen (OGS) unter der Beteiligung der Stadt umgewandelt, zwei weitere werden in diesem Jahr folgen. Auf der 2. Fachtagung der Serviceagentur Niedersachsen am 25. April in Braunschweig wurden Grundlagen für das Gelingen von guten Ganztagsgrundschulen vorgestellt und in Workshops diskutiert.
Eine Reportage von Cornelia Alban
Weder Verkehrsumleitungen noch Aussichten auf einen langen Freitag hielten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Tagung davon ab, in Massen die geschichtsträchtige Klosteranlage des Gastgebers, des Diakonischen Werks, zu erobern, um einen Stuhl im rappelvollen Sitzungssaal zu ergattern. Lars Pallinger, von der Diakonie Braunschweig, forderte in seiner Begrüßung dazu auf, kommunale Bildungslandschaften heute und hier zu gestalten, in Kooperation mit der Diakonie und der Stadt Braunschweig, „ein kohärentes System für umfassende Bildung zu schaffen“. Er will Schule als Netzwerkgestalterin verstanden wissen, die keine Monokultur pflegt, sondern das System Schule kultiviert und den dafür notwendigen Dünger in außerschulischen Kooperationspartner findet.
„Muss man Schule neu erfinden ?“
... fragte Ulrich Markurth, von der Stadt Braunschweig. Ließ die Frage im Saal wirken und appellierte an die Gefühle der Teilnehmer, die Ärger über Misslungenes in Schule empfinden und von Veränderung träumen. „Wenn Sie nicht auf den pädagogischen Urknall warten, dann sind Sie hier richtig!“ Markige Worte, denen leise und skeptische Töne der Landesschulbehörde folgten. Walter-Johannes Herrmann wünschte sich für die Beteiligten, dass „die Diakonie und die Serviceagentur in manchen Dingen verlässlicher sind als wir“. Das war das Stichwort für Birgit Bleiel von der Serviceagentur Niedersachsen, die Unterstützungsangebote der Agentur für Schulen im GanzTag zu offerieren. Von Netzwerktreffen über Workshops, Tagungen, ganztagsspezifischen Fortbildungen bis hin zur Beratung reicht die breit gefächerte Dienstleistungspalette der Agentur. Das erntete Applaus.
Schweiß und Enthusiasmus
hat 1997 der erste Kooperationsvertrag zwischen dem Kinderhaus Rühme und der Grundschule Rühme gekostet, berichtet Jürgen Neubert, zuständig für die Koordination Jugendhilfe und offene Ganztagsschule bei der Stadt Braunschweig. Doch beides hat sich gelohnt. Mittlerweile sind 1600 Kinder in Braunschweig in der Schulkindbetreuung, ist die ständige Kooperation zwischen Schule und Jugendhilfe per Erlass abgesichert und das Generalziel der Stadt Braunschweig, eine kinder- und familienfreundliche Stadt zu sein, verkündet. Die Verlagerung der Schulkindbetreuung in die Schule ist die strategische Ausrichtung des Konzepts für offene Ganztagsschulen. Das Konzept beruht auf drei Säulen:
- Verbindliche Schulkindbetreuung
- Durchführung von Kurs- und AG-Angeboten in Kooperation mit Vereinen und Verbänden
- Einsatz von Lehrkräften im Nachmittagsbereich.
Zu den Standards für die offenen Ganztagsschulen in Braunschweig gehören unter anderem:
- Ein entgeltfreies, verbindliches Betreuungsangebot an fünf Tagen bis 15.00 Uhr.
- In der Ferienzeit ein bedarfsgerechtes Betreuungsangebot von 8.00 bis 17.00 Uhr
- Entgeltpflichtige Angebote (15 Euro im Monat) bis 16.00/17.00 Uhr
- AG-Band, offen für alle Kinder.
Das kostet nicht nur Kraft, sondern auch einen Blick ins Stadtsäckel, der zeigt: Gut 40.000 Euro Förderkosten sind für eine kleine Betreuungsgruppe (12 Kinder) zu berappen, die Förderpauschalen bei großen Gruppen betragen rund 78.000 Euro.
Wie geht es weiter?
„Ich kann das Blatt auch weiß lassen, ich weiß tatsächlich nicht, wie es weitergeht“, läutet Jürgen Neubert verschmitzt das Ende seines Vortrags ein. Doch so wenig will er nun wohl doch nicht den hohen Erwartungen seiner Zuhörerinnen und Zuhörer zumuten. „Wir haben steigende Anmeldungszahlen bei den Bedarfen für weitere Betreuung; drei von den vier derzeitigen OGS haben zusätzliche Gruppen beantragt und mehrere Grundschulen werden den Antrag auf eine offene Ganztagsgrundschule stellen. Im Mai 2008 werden wir einen Workshop zur weiteren Entwicklung im Bereich Schulkinderbetreuung machen.“ So unbescholten bleibt sein Blatt dann doch nicht.
Wie ist es mit den zusätzlichen Lehrerstunden für den Ganztag oder stimmt das Gerücht, dass sie jetzt kapitalisiert werden? Jetzt wird die Diskussion hitzig und bleibt brisant während der gesamten Veranstaltung. „Wenn kapitalisiert wird, kann nur noch additiv, nicht mehr kooperativ gearbeitet werden.“ „Das ist ein Sparmodell zulasten des GanzTags“, entrüsten sich die Teilnehmer. Die Frage der Kapitalisierung von Lehrerstunden ist tatsächlich eine der wenigen Fragen, die an diesem Tag nicht eindeutig beantwortet werden konnte.
Großes Kind, was nun? Großes Kind, was tun?
Ich erzähle Ihnen heute nichts, was Ihnen nicht schon bekannt ist“, verspricht Oggi Enderlein, Projektleiterin der Werkstatt "Schule wird Lebenswelt" im Programm „Ideen für mehr! Ganztägig Lernen.“ zu Beginn ihres Vortrages. Nach einer kurzweiligen Stunde, intensivem Zuhören und donnerndem Applaus für ihren Beitrag weiß man, hier stimmt was nicht mit der Ankündigung. Nur was? Mehr oder weniger bekannt sind die Daten und Fakten zu Langeweile, Schulversagensängsten, Depressionen, Beeinträchtigungen in der Fein- und Grobmotorik von Schulkindern. Aber sind sie uns auch bewusst?
Weniger bekannt bzw. bewusst sind die Bedingungen, die die sozialen, emotionalen und kognitiven Fähigkeiten der Kinder fördern. „Erzählen Sie Ihrem Stuhlnachbarn, was Sie als Kind gerne in Ihrer Freizeit ohne Aufsicht gemacht haben“, fordert Oggi Enderlein die Zuhörer auf und schon steigt der Geräuschpegel und hat bald Disco-Niveau erreicht. Anscheinend macht das Schwätzchen allen Spaß. Vor allem bringt der Perspektivwechsel die Einsicht, dass das, was wir als Kinder gern gemacht haben, sich nicht grundlegend von den Bedürfnissen der heutigen Schulkinder unterscheidet. Und so einfach sind die Gestaltungselemente für eine Ganztagsschule mit mehr Lebens- und Lernqualität für Kinder beisammen. Man muss nur in sich horchen oder Kindern zuhören. Kinder wünschen sich von der Schule
- einen schöneren, vielfältigen Schulhof,
- mehr Sport, Spiel und Bewegung,
- weniger Hausaufgaben,
- mehr Gerechtigkeit und Unterstützung durch Lehrer,
- nachmittags ebenfalls mehr Raum für Sport, Spiel und Bewegung,
- in Kleingruppen aus der Klasse zusammen zu sein,
- Projektarbeit,
- Turnhalle und Computerräume nutzen zu können.
Folgt man der Erfüllung dieser Wunschliste, kann dies ein guter Wegweiser für eine Ganztagsschule sein, die mehr bietet als Unterricht über den ganzen Tag. Auf den Weg machen sich nun auch die Teilnehmerinnen und Teilnehmer, um einen der drei angebotenen Workshops zu besuchen. Von Kooperation über Gestaltungsmöglichkeiten bis hin zur Rhythmisierung in offenen Ganztagsschulen reicht das Spektrum der Workshops.
Rhythmisierung ist mehr als Zeittaktung
Karl-Heinz Dirkmann, ehemaliger Leiter einer integrierten Gesamtschule, eröffnet wie ein Schachspieler das Feld zu unterschiedlichen Formen, Methoden und Auslegungen von Rhythmisierung im Unterricht. Der Profi in Sachen Rhythmisierung verblüfft die Zuhörerinnen und Zuhörer mit Erkenntnissen aus seiner über zwanzigjährigen Berufspraxis. So empfindet er Erlasse als überaus hilfreich, „wenn man sie kreativ auslegt, gewinnt man Handlungsspielraum. Zum Beispiel kann man den Pflichtunterricht auf den Nachmittag legen oder Hausaufgaben zum Fachunterricht deklarieren.“ Über Schulverbünde gewännen die einzelnen Schulen mehr Autonomie, könnten Schulen heute selbst Lehrkräfte auswählen und einstellen und dem Zeitraster seit 1911, dem 45-Minuten-Takt, den Garaus machen.
Ziel und Zweck jeder Rhythmisierung sei es, das Lehren und Lernen in der je individuellen Lernzeit der Schülerinnen und Schüler zu fördern. Das gilt auch für Lehrerinnen und Lehrer, „denn nur mal ein bisschen Ganztag zu machen, weil es chic ist, das geht nicht. Jeder Lehrer sollte von 8.00 bis 16.00 in der Schule sein.“
„Der deutsche Lehrer ist eine Ich-AG mit einem gemeinsamen Parkplatz“
Gegen dieses Bonmot setzt Karl-Heinz Dirkmann auf Bildung von Lehrerteams, das Denken in Blöcken, die mehr Spielräume eröffnen. Er empfiehlt zu Beginn eines Schultages einen sogenannten ÜFA-Block (Üben, Fördern, Arbeiten). Die Kinder sollen Zeit haben, in der Schule anzukommen, sich an Vergangenes zu erinnern, sich etwas für den Tag vorzunehmen und auf das Thema einzustimmen. Wahlweise kann in 30-, 60- oder 90-Minutenblöcken gearbeitet werden. Folgende Grundsätze sollten für die Rhythmisierung von Unterricht gelten:
- Musik und Bewegung miteinander verknüpfen
- Jeden Tag Musik und Bewegung, auch vormittags
- Jeden Tag Erinnern und Vergewissern
- Jeden Tag allein und mit anderen arbeiten
- Jeden Tag etwas Kreatives tun
- Das Stuhlsitzen verringern.
„Fangen Sie mal an, diese Dinge auf sich selbst zu übertragen“, fordert er den Zuhörerkreis auf. Für diesen Moment ist das Stühlerücken eine leichte Übung, denn der nächste Workshop wartet schon.
Kooperation ist machbar
Das beweisen Ute Wasserbauer, Kinderhaus Brunsviga, und Brigitte Rössing, Grundschule Comeniusschule, nun schon seit 14 Jahren. Mit Pausenaufsichten sowie Schulkindbetreuung und offenen Angeboten gingen sie an den Start. „Eigentlich wollte uns die Schule nur haben, weil wir männliche Erzieher hatten, die ein Gegengewicht zu dem rein weiblichen Kollegium bilden sollten“, schmunzelt Ute Wasserbauer über die Anfangsgründe. Dass es dann doch eine weibliche Sozialpädagogin wurde, die mittlerweile 14 Jahre dabei ist, scheint dem Vorhaben nicht geschadet zu haben. Zuerst war es, als ob zwei Welten zusammenwachsen. „Wir kommen in die heilige Schule, dürfen nichts berühren, nicht anfassen.“ Das änderten die Kinderhäuslerinnen schnell. „Wir haben uns breit gemacht“, so etwas wie eine friedliche Schulbesetzung nahm Gestalt und unwiederbringliche Form an.
Heute ist die Betreuung durch das Kinderhaus aus dem Schulbild nicht mehr wegzudenken. Nach dem gemeinsamen Mittagessen für 200 Kinder nehmen pro Tag 140 Kinder bis 15 bzw. 16 oder 17 Uhr und 70 Kinder an wechselnden Tagen das Ganztagsangebot an. Auf dem ambitionierten Wochenplan stehen freiwillige und offene Angebote, Gemeinschaftsprojekte, Lern-Tags, Hausaufgabenbetreuung, Fördergruppen, Spiel-Tags. Jeden Tag stehen zehn Arbeitsgruppen und vier bis fünf offene Angebote zur Wahl. Das ist schon eine gewaltige logistische Leistung, jedem Kind einen individuelles Angebot zusammenzustellen. Denn die Wahl der Kinder hat Vorrang, auch „wenn wir manchmal etwas steuern, damit die Schülerinnen und Schüler sich nicht überfordern oder zu wenig gefördert werden“, fügt Brigitte Rössing hinzu.
Kooperation im Professionenmix
Entwickelt wurde das offene Ganztagsangebot mit der TU Braunschweig, die als fester Kooperationspartner auch die Evaluation durchführt. Mit Staatstheater, Sportvereinen, Kirchen, Musikschule, Fach- und Honorarkräften und vielen anderen wird das breit gefächerte Angebot gestemmt. Auch die Lehrer machen mit, dafür werden an fünf Tagen jeweils zwei Lehrerstunden abgezwackt.
Die Schule hat noch mehr vor. Mit dem Konzept „Jedem Kind ein Instrument“ soll die musikalische Erziehung gefördert werden. Hier ist die Schule im regen Kontakt mit Stiftungen, um ihren Anspruch – ein Instrument für jedes Kind – einzulösen. Denn die jungen Musikerinnen und Musiker sollen schon bald zum Einsatz kommen, die Aufführung eines großes Musicals ist geplant. Und nicht nur hierzu sind wir eingeladen. „Wir möchten Sie gerne einladen, unsere Schule zu besuchen, vormittags oder nachmittags“, wendet sich die Schulleiterin mit offenem Lächeln an die Runde. „Machen wir, garantiert!“, das signalisieren ihr die Gesichter reihum.
Bausteine für gelingende Kooperation
Animiert durch dieses Best-Practice-Beispiel, heißt es nun, in Arbeitsgruppen vier Bausteine für gelingende Kooperation zu finden. Wen wundert es, wenn bei der Auswertung die Überschneidungen überwiegen. Hier sind die Ergebnisse:
- Gemeinsames Ziel, Leitbild und gemeinsamer Nutzen
- Gleichberechtigung, Respekt, Wertschätzung, Arbeit auf gleicher Augenhöhe
- Verlässlichkeit
- Offenheit und Kommunikation aller Beteiligten.
Immer wieder freitags?
Ja, meinen die meisten Teilnehmerinnen und Teilnehmer zum Freitag als Tagungstag. „Dann kann ich am Wochenende in Ruhe über das neu Erfahrene nachdenken und muss keinen Unterricht vorbereiten.“ „Aber es fehlt noch was, ein zweiter Tag wäre nicht schlecht“, bedenken andere. „Dann eben auch samstags“, plädieren weitere. Gute Tage, schlechte Zeiten; schlechte Tage, gute Zeiten; dieses Thema mag Philosophen und Hellseher bewegen. Hier und heute waren es das Thema und die eigene Zukunft im Ganztag.
Datum: 30.05.2008 © www.ganztaegig-lernen.de
|