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Eine Stunde ist zu wenig

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„Eine SV-Stunde pro Monat reicht nicht aus“, meinen Schülersprecher Felix und sein Vertreter. Der sich in seiner Zeitungslektüre gestört fühlende Schulleiter kontert, „Schule ist zum Lernen da“. „Aber es geht doch um Demokratie, da brauchen wir mehr Zeit, wir möchten eine SV-Stunde pro Woche“, fordern die Schüler. „Das Thema Demokratie könnt ihr doch im Politikunterricht abhandeln“, beendet der Schulleiter das Gespräch. Nur ein szenischer Auftakt oder Realität, fragten sich die Teilnehmer der Veranstaltung „Ganztagsschule gemeinsam gestalten“ am 6. Mai in Fuldatal. Einig sind sich alle, dass Partizipation kein Zauberwort ist und man sich für Beteiligungsprozesse Zeit nehmen muss.

Cornelia Alban

Die Serviceagentur Hessen hatte schon im Dezember 2007 ein Treffen mit regionalen außerschulischen Partnern, die zur Thematik „Partizipation im Schulalltag“ Angebote in Schulen aus Kassel Stadt und Land realisiert haben oder realisieren wollen, organisiert. Ein weiteres Treffen fand im März 2008 statt, auf dem die außerschulischen Partner ihre Angebote detailliert präsentierten. Solchermaßen gerüstet, zeigte die Veranstaltung einen bunten Reigen von einladenden Projekten, auch mit dem Ziel, eine langfristigere Zusammenarbeit zu entwickeln.

Markt der Möglichkeiten

„Außer Butter, Eiern oder Käse haben wir alles da, was Sie brauchen“, lädt Hildegard Gastreich von der Serviceagentur Hessen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer zu einem Rundgang durch die Ausstellung in der Reinhardswaldschule in Fuldatal/Simmershausen ein. Sollte es einen Preis für einen der schönsten Veranstaltungsorte für Partizipation geben, hätte die Gastgeberin sicher einen verdient. Nicht nur das traumhafte Gelände und wunderbare Wetter sorgten für gute Stimmung, sondern auch die Vielfalt des Angebotes für Beteiligung ermutigte. Vom Spielmobil Rote Rübe (Verein für mobile Kinder- und Jugendsozialarbeit), über das Projekt Gewaltprävention und Demokratielernen des Landes Hessen, Büro für Partizipation und Freiraumplanung, Kinder- und Jugendbüro der Stadt Kassel, bis zum Projekt Ludus – Jugendarbeit und Schule – der Falken Hessen hatte sich alles versammelt, was in Kassel und Umgebung langjährige Erfahrung in Sachen Partizipation hat.

Außerdem stellten die Schillerschule, Integrierte Gesamtschule der Stadt Offenbach, und die Grundschule Simmershausen, beides Referenzschulen, ihr Ganztagsangebot zur Schau. Die Partizipationsbeauftragte für Eltern und für interkulturelle Elternarbeit, Abena Bernasko, und Dr. Schulte vom Schulamt Kassel, vervollständigten den Expertenkreis.

Schülerrat und Schülertat

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„Im Raum Kassel gibt es ein breites Spektrum von Kinder- und Jugendbeteiligung“, lächelt Stephanie Welke von der Serviceagentur „Ganztägig lernen“ Hessen aufmunternd in die gut gefüllte Runde. Die Serviceagentur hat einiges zu bieten. Zwei Schülerinnen sind Beauftragte für den Bereich Schülerinnen- und Schülerpartizipation. Sie fungieren als Kontaktpersonen zu Schulen, Serviceagentur und Landesschülervertretung, beraten, unterstützen und handeln. Zwölf SV-Berater sind landesweit im Einsatz, um zu zeigen; „was durch unsere Mitwirkung in Schulen alles möglich ist“.

Nicht zuletzt die mobile Zukunftswerkstatt (MobiZ) sorgt für Schwung im Schulgetriebe. Drei Tage lang entwickeln Schüler, Lehrkräfte und Eltern gemeinsam ein Konzept, um ihre Schule nach eigenen Vorstellungen zu verändern. Moderiert werden diese MobiZ-Einsätze von Jugendlichen, die zum/zur MobiZ-Piloten oder –pilotin ausgebildet wurden. Auch die Eltern sind im Land Hessen mit von der Partie, wenn es um Mitsprache und Mitwirkung geht. „Denn wir können mehr als Kuchen backen und Würstchen grillen für Schulfeste“, betont Abena Bernasko, die Beauftragte für Elternpartizipation, und verweist auf Artikel 56 des Hessischen Schulgesetzes, der besagt, dass Eltern sich einmischen dürfen und sollen.

Murmeln erwünscht

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Und schon geht es ab in die fünf Murmelgruppen, 25 Minuten Erfahrungsaustausch zu Themen wie „Schülerbeteiligung in Nachmittagsangeboten“, „Lehrerbeteiligung“, „Demokratische Schule“, „Partizipation in der Klasse“, „Elternbeteiligung“ sind erlaubt. Dann wird in einer anderen Themengruppe weitergemurmelt. Von Flüstern kann angesichts der brisanten Themen natürlich nicht die Rede sein. Michael Dietz, SV-Berater, heimst mit seiner Frage nach basisdemokratischen Strukturen an Schulen und ob sie funktionieren können, nicht nur wegen seiner Lautstärke eine gelbe Karte ein. „Das ist keine Frage des Ethos“, rückt ihn Ex-Schulleiter Dr. Lindemann zurecht. Zu Recht? „Das ist ja hier wie in der Schule“, engagiert sich Michael und erntet keinen Widerspruch. Ein bisschen was geht immer und so wird die Fragestellung weg vom Ethos hin zur Praxis verfeinert.

Was machen wir mit Eltern, die auf Elternbriefe und Einladungen der Schule nicht antworten? Wie reagieren wir auf SV-Vertreterinnen und SV-Vertreter, die keine Gespräche mit der Schulleitung wünschen? Wie können wir erfahrungsorientierte Lernumgebungen für Schüler schaffen, wenn wir Lehrer erst selbst Partizipation lernen müssen? Was ist, wenn Partizipationsmöglichkeiten nicht wahrgenommen werden? Nicht leicht, Antworten zu finden. Die Betroffenen zu Wort kommen zu lassen, denn Indifferenz sei selten Ablehnung, lautet der eine Vorschlag. Information geben und Vor-Ort-Besuche zum Beispiel in den Elternhäusern, heißt ein anderer. Best-Practice-Beispiele, Anschauung, Referenzschulen, Aufforderung zur Aktivität über Zukunftswerkstätten, jetzt prasseln die Ideen nur so auf die Murmelgruppe ein. Doch es wird Zeit das Lager zu wechseln, mahnt der Uhrzeiger an. „Partizipation ist ein langjähriger Prozess“, spricht Achim Kessemeier, Schulleiter der Grundschule Simmershausen, gelassen mit Blick auf die Armbanduhr und das schmale Zeitbudget der Veranstaltung aus.

Schüler lehren und lernen

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Die Schülerbeteiligung an Nachmittagsangeboten in der Schule „ist ganz schön anstrengend, vielfältig, aber lohnt sich“, berichtet Michel Dietz, SV-Berater. 12 Euro pro 90 Minuten erhalten ältere Schülerinnen und Schüler, wenn sie die fünften bis siebten Jahrgänge bei den Hausaufgaben begleiten. „Hausaufgabenbetreuung ist aber keine Nachhilfe“, warnt er, „sie dient oft als Überbrückung zum Ganztagsangebot“. In offenen und geschlossenen AGs, bei Bewegungsangeboten bis hin zu EDV-AGs und naturwissenschaftlichen Projekten kommen die Schülerlehrer zum Einsatz und dieser wird bezahlt. Neben der Aufbesserung des Taschengeldes ist die Auffrischung und Vertiefung von Lehrstoff ein nicht zu verachtender Vorteil der Schülerarbeit am Nachmittag.

Doch ohne Regeln kommt auch das Nachmittagsangebot nicht aus. Die Albert-Schweitzer-Schule hat einen Workshop zum Thema Hausaufgabenbetreuung veranstaltet und fand gemeinsam mit den Jugendlichen heraus: Cola ja, Essen nein, MP3-Player und Handy bleiben zu Hause.

Gefühlte 100 Prozent

Partizipation bietet das sogenannte Kasseler Modell, in dem sich Kinder und Jugendliche aktiv an kommunalpolitischen Entscheidungs- und Planungsprozessen beteiligen können. Seit dem Jahr 1997 wurden in Kassel mehr als 130 Kinder- und Jugendbeteiligungsprojekte durchgeführt. Es handelt sich unter anderem um die Neu- und Umgestaltung von Spielplätzen und Schulhöfen, Einrichtung von Skater-Plätzen sowie die Schaffung legaler Graffiti-Flächen und Jugendtreffpunkten. Die Beteiligungsprojekte werden von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Kinder- und Jugendbüros der Stadt Kassel sowie im Zusammenwirken mit dem Kooperationspartner, Verein Spielmobil Rote Rübe konzipiert, moderiert und organisatorisch realisiert.

„Mit den Beteiligungsprojekten zur Schulhofumgestaltung haben wir den Schülerinnen und Schülern praktische Demokratieerfahrungen ermöglicht. Dazu bieten wir eine zweijährige Prozessbegleitung an“, berichten Christiane Plaha, vom Kinder- und Jugendbüro, und Gunther Burfeind, vom Verein Rote Rübe. Zu fortgeschrittener Stunde haben sich die Murmelgruppen aufgelöst und zu Expertentischen zusammengefunden.

Die beiden Experten zum Thema Schulhofgestaltung empfehlen in der Schule einen Projekt- oder Schülerrat einzurichten, der die Interessen der Kinder und Jugendlichen schulweit bündelt. In einem der letzten Projekte gab es bei der Umgestaltung einer Grundschule sogar einen Kinderrat, an dem auch die Vorschulkinder beteiligt waren. Denn – trotz Unterstützung von Stadt und Fachämtern – brauchen Planungs- und Beteiligungsprozesse  Zeit, und schon wandert ein angstvoller Blick der Experten und Teilnehmer auf die Wanduhr. Wie ist das mit den Landkreisen? Können wir Sie da auch anfordern? Welches Amt ist zuständig? Da rätseln auch die Experten. „Schreiben Sie die Fragen auf, wir arbeiten das ab“, tröstet Stephanie Welke über das Ende der Veranstaltung hinweg. „Um 18.15 wird abgeschlossen und bitte schreiben Sie Ihren Eindruck vom heutigen Tag für uns auf die Feedback-Wandtafel.“

Drei Stunden sind zu wenig

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Man braucht kein Hellseher zu sein, um zu ahnen, welches Feedback die Veranstalterin erhielt. „Die Zeit war zu kurz“, war das eindeutige Votum aus dem Teilnehmerkreis. Kritik und Kompliment zugleich. „Im September ist der Ganztagsschulkongress in Berlin, der dieses Mal Partizipation in den Mittelpunkt stellt. Merken Sie sich den Termin vor. Vielleicht sehen wir uns dort“, verabschiedet Stephanie Welke die Partizipationsbeschwingten. Und schon ist wieder ein wenig Zeit für Partizipation gewonnen.

Datum: 3.06.2008
© www.ganztaegig-lernen.de



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Heterogenität ist die Herausforderung

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... und zugleich die Chance von Gesamtschulen. An der IGS Schillerschule geht die Lehrerschaft seit Jahren mit den Schülern Wege, um die Schüler in ihrer Vielfalt im Schulalltag wie auch in pädagogischen Prozessen für verantwortliche Mitgestaltung zu gewinnen. Schulleiter Thomas Findeisen berichtet von den guten Erfahrungen von Lehrern und Schülern an der IGS Schillerschule, die auch eine Ganztagsschule ist. öffnen