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Ganztagsschule der Zukunft

Über Entwicklungen und Herausforderungen der Ganztagsschule in der Zukunft informierten sich und diskutierten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der 4. Fachtagung der Werkstatt 1 „Entwicklung und Organisation von Ganztagsschule“ am 04. und 05. Juni 2008 in Dortmund. Die Werkstatt arbeitet mit den regionalen Serviceagenturen der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung als MultiplikatorInnen zusammen und ermutigt und unterstützt somit Schulen, den für sie besten Weg hin zur Ganztagsschule zu finden. Am Institut für Schulentwicklungsforschung (IFS) der Technischen Universität Dortmund trafen sich rund 60 Ganztagsinteressierte aus den verschiedensten Bereichen, um in dem Kernstück der Veranstaltung, der Zukunftswerkstatt „Ganztagsschule – Entwicklungen – Herausforderungen – Ziele“, Visionen zu entwickeln und sie in die Realität zu überführen.

von Dr. Cornelia Alban

Herausforderung Zukunft

Die Veranstalterin der Tagung, das IFS, geht davon aus, dass bereits viele Schulen organisatorisch gut auf dem Weg zur Ganztagsschule sind. Da die Länderregierungen zu wenig Gelder bereitstellen, um Ganztagsschulen ausreichend zu finanzieren, beginnt sich ein Trend abzuzeichnen, dass Schulen fragen – wohin soll das führen? Diese Stimmung wollte das IFS aufgreifen und von den Expertinnen und Experten vor Ort erfahren, welchen Herausforderungen sich Schulen zu stellen haben. Die Methode der Zukunftswerkstatt schien dafür das geeignetste Instrument. Damit hat sich das Institut für einen Methodenwechsel entschieden. Waren die vorhergehenden drei Tagungen geprägt durch Diskurswerkstätten und Workshops zu speziellen Themen, wollte dass IFS dieses Mal mit der Methode der Zukunftswerkstatt die Herausforderungen und notwendigen Entwicklungen mit den Teilnehmenden eruieren.

Zwei informierende Vorträge über die Gelingens- und Misslingensbedingungen von Schulentwicklung –  was bedeutet das für die Ganztagsschule? (Prof. Dr. Hans-Günther Rolff, IFS) und die Herausforderungen von Ganztagsschule – Es geht um’s GANZE! (Dipl.-Psychologe Otto Herz) sorgten am ersten Tag für theoretischen Input. Dieser wurde noch verstärkt durch die Begrüßungsrede von Prof. Holtappels (IFS), der auf neue Ergebnisse aus der Studie zur Entwicklung von Ganztagsschule (StEG) und Notwendigkeiten in der Ganztagsschulentwicklung einging. Prof. Burow und Dr. Hinz erarbeiteten mit den drei in der Zukunftswerkstatt üblichen Phasen (Kritik-, Visions- und Realisierungsphase) gemeinsam mit den Praxisexperten, die Herausforderungen und Entwicklungen der Ganztagsschule.

Innere Bilder leiten

Eine kritische Reflexion der derzeitigen Schulpraxis haben die Teilnehmenden schon hinter sich, bevor sie am zweiten Tagungstag einschmeichelnde Soulmusik begrüßt. Teil zwei und drei – Visions- und Realisierungsphase – der Zukunftswerkstatt stehen heute auf dem Programm. „Nach wie vor berichten Lehrer, dass der wichtigste Wissenszuwachs für sie durch Praxiserfahrungen und weniger durch wissenschaftliches Wissen bestimmt ist. Wenn wissenschaftliches oder ichfernes Wissen nicht zu den gewünschten Resultaten führt, dann ist es bedeutsam an das ichnahe Wissen, das bildhafte Wissen, das unsere Handlungen determiniert, heranzukommen, leitet Prof. Dr. Olaf Axel Burow von der Universität Kassel die Visionsphase ein.

Er und sein Kollege, Dr. Heinz Hinz von der Akademie Schulzentrum Silberburg, sind Experten und ein hervorragend eingespieltes Team in Sachen Zukunftswerkstatt. „Wir verfügen über circa 800 innere Bilder, die uns leiten. Der Schlüssel für proaktives Handeln ist mit den inneren Bildern verknüpft. Deshalb ist es wichtig, über die Visionsphase an die eigenen Bilder heranzukommen“, macht Burow auf mehr aus der inneren Bilderwelt neugierig. Die Spannung im Saal steigt. Doch bevor es ans Träumen geht, tanken wir erst noch einmal ein bisschen Energie über eine Bewegungsübung auf. Die Einstellung zur Ganztagsschule 2015 ist gestisch darzustellen und von der Kreisrunde zu wiederholen. Die vorwärtsweisenden Gesten überwiegen deutlich, doch ist auch manches Kopfschütteln dabei.

Träumen erwünscht

Einige Zeit braucht man für die Zeitreise zur Ganztagsschule 2015, einer Schule, die sich jeder aus dem Teilnehmerkreis nach seinen eigenen Vorstellungen zusammenbauen kann. Nur Entspannungsmusik und die ruhigen Denkanstöße von Olaf Burow flankieren die Fantasiereise. Ansonsten ist es visionär still im Saal. Es müssen schöne Träume gewesen sein, die in einer Sesselvernissage bestaunt werden können. Denn nach der Reise hat jeder die Aufgabe, ein Symbol und einen Slogan zu seiner Vision zu entwickeln und auf einem Blatt darzustellen. Danach betrachtet man bei einem Rundgang die Bilder der anderen. Sonne, Schmetterling, Vogel, Haus, Baum, Getreidehalm, Flügel, Lebensbaum, Regenbogen, Ball, Zirkus, Herz, Dorf, aber auch ein schnittiger ICE – „die reisende Ganztagsschule“ – zeugen von den erstaunlich harmonischen, sehr naturverbundenen, luftigen inneren Bilder der Ganztagsschule 2015.

Jetzt darf sich jeder Partner suchen, deren Bilder mit den eigenen Ähnlichkeiten aufweisen. In der Gruppe werden Visionen ausgetauscht und eine gemeinsame Vorstellung von der Schule der Zukunft in einer Präsentation vor dem Plenum szenisch dargestellt. Die Suche nach geeigneten Partner verläuft blitzschnell. Innere Bilder verbinden.

Lernen im Grünen

könnte das Motto unserer Gruppe lauten. Leonard, Schüler der Bonifatius Hauptschule, wünscht sich mit seinem Bild des Baumes mehr draußen zu sein und viel Sport, „denn das gibt Energie“. Philipp, ein Mitschüler, hat von einem Ball geträumt, der sich im Sommer öffnet, „damit Luft in die Schule hereinkommt“. Bernd Meyer, ihr Lehrer, hat ein gelbes Haus mit grünen Bäumen gezeichnet, denn er will einen Rahmen geben. „Man muss klare Strukturen für Schüler, Ankerpunkte schaffen, sonst wissen sie nicht, wo sie später den Anker hinwerfen sollen.“ Die Bonifatius Hauptschule ist noch in der Orientierungsphase zur Ganztagsschule. Aber „wenn wir alle hierher geschleift werden, dann wird es wohl auf Ganztag hinauslaufen und dann müssen die Schüler mitbestimmen können", muntert er in markiger Ruhrgebietsmundart zur Mitsprache auf.

Auch Heike Jenoch, Schulleiterin des Perthes-Gymnasiums-Friedrichroda hat sich für die Symbolik eines Balls entschieden. Er verkörpert für sie „einen gewissen Schutzraum, aber auch Bewegung, bringt was zum Rollen“. Ihre Schule der Zukunft soll bunt und lebendig sein. Günter Straßburg, Schulleiterkollege einer teilgebundenen Ganztagsschule in Eisenach, interpretiert seinen Getreidehalm als stabil, ertragreich, flexibel und elastisch. So soll seine Schule 2015 sein. Kerstin Grundmann von der Serviceagentur Mecklenburg-Vorpommern hat gleich einen kleinen Bauernhof geschaffen, eine grüne Oase, in dem Alltagsleben und –lernen 2015 integriert sind. Die Sonne in der Gruppe fordert radikal das Lernen und Leben im Freien und Grünen, dazu Erdbeeren mit Sahne.

Wenn alles rund läuft

Eine gemeinsame Vision zu entwickeln, fällt leicht: Licht, offene Räume, ein schönes Miteinander, gemeinsames Lernen von allen, Bewegung. Nur am kantigen Rahmen, an den Regeln und Strukturen des Lehrers aus Menden wird in der Gruppe noch ein wenig gefeilt. „Es kann ja auch ein runder Rahmen sein, mit vielen Öffnungen“, plädiert Bernd Meyer. Und so entsteht als Präsentation ein offener Menschenkreis rund um die Schüler, in dem sie zuerst wachsen und später integriert werden.

„Egal mit welchen Gruppen zu unterschiedlichen Themen Sie Zukunftswerkstätten veranstalten, immer wieder werden Sie in der symbolischen Darstellung runde Formen finden. Das Runde obsiegt“, lächelt Olaf Burow in die Runde. Wie auch in den szenischen Darstellungen der anderen Gruppen Gemeinsamkeiten überwiegen, die viel Vergnügen auslösen. Besonders die Vorstellung der Schule 2015 als ein Sonnensystem, in dem Schüler-, Eltern-, Lehrer- und Partnerplaneten durch einen quirligen Kometen mit neuen Ideen aufgewirbelt werden, findet viel Beifall.

Zurück zur Erde

„Denken Sie jetzt bitte von Ihren Zukunftsbildern schrittweise rückwärts bis Sie wieder im Jahre 2008 sind“, leitet der Kasseler Professor die Realisierungsphase ein. „Suchen Sie sich in der Gruppe ein Mikroprojekt, das sich konkret an Ihrer Schule verwirklichen lässt, nicht auf externe Hilfe angewiesen ist und Attraktivität und Selbstwirksamkeit entfaltet“. Aus den Nachfragen spürt man ein wenig Verunsicherung. Das ist sicherlich ein schwerer Schritt von den leuchtenden inneren Bildern zurück in die Realität. „Dies ist eine sehr sensible Phase, denn es kommt zum Bruch mit den visionären Gemeinschaftserfahrungen hin zu der Frage, wie bekomme ich das in die Realität. Die Zukunftswerkstätten sind praktizierter Lernkulturwandel“, berichtet Burow, der mit diesem Instrument auch Beteiligungsverfahren von Bürgerinitiativen auf den Weg geholfen hat.

„Darf ich mal das Programm Ihrer Klausurtagung haben?“, fragt Günter Straßburg seine Schulleiterkollegin aus Thüringen. Und schon liegt ein konkretes Projekt auf dem Tisch. Zusammen mit der Serviceagentur Thüringen hatte das Perthes-Gymnasium vor einem Monat eine Klausurtagung zum Thema „Entwicklung eines Ganztagsangebots“ außerhalb der Schule veranstaltet. Knapp zwei Tage hat die Steuerungsgruppe des Gymnasiums beraten, diskutiert und Angebote entwickelt. „Das war für uns sehr hilfreich, der schöne Tagungsort, nicht in der Schule zu sein, Input von außen und weitere Anstöße für Fortbildungen zu bekommen.“ Das will Günter Straßburg ihr nachmachen. „Wir haben vor zwei Jahren mit großem Elan mit dem Ganztag in den Klassen 5 und 6 angefangen, aber das ist ein bisschen eingeschlafen, wir können einen neuen Schub gebrauchen.“ Mit Christine Wolfer von der Serviceagentur Thüringen hat er gleich eine kompetente Ansprechpartnerin am Tisch. Die beiden verabreden konkrete Schritte. Erst ein Vorgespräch in der Schule, dann einen Termin für die Klausurtagung nach den Sommerferien. „Wir planen ein Netzwerktreffen für die Gymnasien, die an einer solchen Fortbildung teilgenommen haben, das sind inzwischen fünf, denn es ist auch wichtig, sich innerhalb einer Schulform zur Ganztagsschule auszutauschen“, regt Christine Wolfer an. „Wir werden mit dabei sein“, verspricht Günter Straßburg. Dann sind es schon sechs.

Gesagt, getan

„Wir werden morgen bei der Serviceagentur Hamburg anrufen und um professionelle Begleitung bitten“, stellt Mathias Herzog sein Mikroprojekt vor. Er und eine weitere Schulleiterin aus Hamburg haben sich von dem Angebot der Serviceagentur Nordrhein-Westfalen inspirieren lassen, nun auch in Hamburg aktiv zu werden sowie sich von Experten zum Ganztag beraten zu lassen.

Michael Müller-Laduga vom Diakonischen Werk Saarland will auch keinen Tag verstreichen lassen, um Richtlinien für Sozialarbeiter an 15 Ganztagsschulen im Saarland zu entwickeln, einen standortbezogenen Flyer zu erstellen und Kooperationsverträge auszuarbeiten.

Sabine Wegener, Bonifatius Hauptschule, wird eine Schülerbefragung an ihrer Schule durchführen, um herauszufinden, welche Themen Schüler in Ganztagsangeboten behandelt wissen wollen. Einige Anregungen hat sie schon durch Leonard und Philipp bekommen: Singen im Chor, auch mit Eltern; Biologie-AG mit Förster und regelmäßigen Waldbesuchen; Vorstellungsgespräche üben, Gesprächskreis Computer...

Morgen werden auch in Dortmund die Telefone klingeln. Denn sieben Steuergruppen zu Ganztagsangeboten von Hauptschulen in Dortmund wollen ein Netzwerk bilden. Da ist die Ganztagsberaterin gefragt, um die Netzwerkbildung zu unterstützen.

Die Weisheit der Vielen

„Reich beschenkt von der Vielfalt der Weisen und von der Weisheit der Vielen“, bedankt sich ein Teilnehmer für die gelungene Veranstaltung. Das ist auch jedem Nichtweisen aus der Ganztagsseele gesprochen. Ein großes Danke geht von Ilse Kamski, IFS, an das tolle Team der Zukünftler Burow und Hinz, die das Geschehen einfühlsam begleitet haben. „Nach vielen gut strukturierten Veranstaltungen, haben wir uns in Dortmund damit auf ein emotionsgeladeneres Terrain eingelassen.“ Dafür gebührt den Dortmundern Schulentwicklern Ehr und Dank. Sie haben mit der Zukunftswerkstatt innere Bilder zum Leuchten gebracht.

Datum: 25.06.2008
© www.ganztaegig-lernen.de


 

 



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