Zur Startseite
Das Programm Impulse Veranstaltungen Publikationen Glossar Sitemap Kontakt Impressum
 
„Ganztagsschule der Zukunft – Entwicklungen und Herausforderungen“

Im Ganztagsschulgeschehen gab es in den vergangenen Jahren aus praktischer und wissenschaftlicher Sicht beachtliche Entwicklungen. Immer mehr Halbtagsschulen machen sich auf den Weg Ganztagsschulen zu werden. Angebote werden entwickelt, Organisationen perfektioniert und gesetzliche Vorgaben angepasst. Angebotene Fachtagungen für Praktikerinnen und Praktiker, aber auch für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sind mittlerweile kaum noch systematisiert zu erfassen.

Die Werkstatt 1 „Entwicklung und Organisation von Ganztagsschulen“ der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung veranstaltete zum vierten Mal ihre jährlich stattfindende Fachtagung in Dortmund. Seit geraumer Zeit nimmt die Werkstatt 1 den Trend wahr, dass Schulen fragen, wohin das Ganztagsgeschehen führen soll. Mit der 4. Fachtagung „Ganztagsschule der Zukunft – Entwicklungen und Herausforderungen“ stellte sich die Werkstatt dieser Frage. Die Methode der Zukunftswerkstatt erschien als geeignetes Instrument, die künftigen „Herausforderungen und Entwicklungen in Ganztagsschulen“ gemeinsam mit den Teilnehmenden aus verschiedenen Blickwinkeln näher zu betrachten. Aus dem Tagungsreader wird der Beitrag von Otto Herz vorgestellt.

„Herausforderungen – Es geht um´s Ganze!“

Otto Herz, Mitbegründer der Laborschule Bielefeld, arbeitete u. a. am Institut für Interkulturelle Erziehung und Bildung an der Freien Universität Berlin und am Landesinstitut für Schule und Weiterbildung, Soest/NRW. Er war Bundesvorsitzender der Gemeinnützigen Gesellschaft Gesamtschule (GGG), Mitglied im Geschäftsführenden Bundesvorstand der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) und bewegt sich in vielfältigen weiteren Berufskontexten. Aktuell ist Otto Herz freiberuflich tätig.

Zu Beginn des Vortrags führt Otto Herz über seinen biographischen Hintergrund in das Thema ein. Er berichtete über vier Ereignisse, die prägend für sein eigenes Denken und Handeln als Pädagoge sind:

  • Sein pädagogisches Verständnis durch das Leben und Lernen im Landerziehungsheim und die Teilnahme an einer Jugendgruppe.
  • Die Tätigkeit als letzter Oberleiter der Hermann Lietz Schule, dem Gründungsinternat der Deutschen Landerziehungsheime tätig.
  • In den Jahren von 1970 bis 1980 ist er Mitarbeiter an der Universität Bielefeld. Zusammen mit Hartmut von Hentig beteiligt er sich am Aufbau der Laborschule.
  • Ab 1987 arbeitet er zusammen mit Hans-Günter Rolff im Landesinstitut für Schule und Weiterbildung für das Projekt „Gestaltung des Schullebens und Öffnung von Schule" (GÖS).

Vor diesem biographischen Hintergrund entfaltet Herz die These, dass die Ganztagsschule weder eine zeitliche noch eine unterrichtliche Kategorie darstellt. Ganztagsschule bedeutet also nicht nur ein Mehr an Zeit und Unterricht, sondern Ganztagsschule gilt sowohl als Herausforderung als auch als Ganzes. Die Herausforderung besteht darin, Kinder und Jugendliche bei denjenigen Erlebnissen und Erfahrungen zu unterstützen und zu fördern, die für ein gelingendes Aufwachsen relevant sind und die sie befähigen in einer komplexer werdenden Gesellschaft zu leben und an ihr teilzuhaben. Das Ganze verdeutlicht ein ganzheitliches Bildungsverständnis, das neben kognitiven Qualifikationen auch metakognitive Kompetenzen umfasst.

Der Fokus einer Ganztagsschule ist nicht nur Unterricht

Um die Herausforderung anzunehmen und das „Ganze“ realisieren zu können, kann der Fokus des Lernens in einer Ganztagsschule nicht nur auf dem Unterricht und den fachlichen Qualifikationen liegen. Wenn sich der Fokus des Lernens in einer Ganztagsschule aber nicht mehr nur auf die genannten Aspekte bezieht, so stellt sich die Frage, worin er denn dann besteht? „Diese Frage kann nur innerhalb eines Lehrerkollegiums beantwortet werden. Es gilt einen Konsens herzustellen. Er ist demnach Ausdruck einer gewissen Verbindlichkeit und eines gemeinsamen Willens die Schule in der dargelegten Form pädagogisch und organisatorisch zu gestalten“, so Otto Herz.

Anhand von zwei Listen zeigt Herz die Möglichkeit auf, sich mögliche Lernziele zu vergegenwärtigen,die jenseits des herkömmlichen Unterrichts und des Faktenwissens liegen, die jeweils mehrere Lernziele (diverse personale und soziale Kompetenzen) mit einer jeweiligen Antwortskala (+++ ++ + 0 – -- ---) beinhalten. Insgesamt entscheidet die Mehrheit der Teilnehmer nach einer kurzen Bearbeitungszeit, dass ein Großteil der beschriebenen Lernziele wichtig erscheint. Hieraus schlussfolgert Herz, dass im Hinblick auf diese Lernziele ein hoher Konsens besteht.

Organisationsmerkmale einer Ganztagsschule

Nach der konsensualen Bestimmung der zu realisierenden Lernziele, geht es weiter um die Frage, mit welchen schulorganisatorischen Mitteln diese verwirklicht werden können. Hierzu teilt Otto Herz den Teilnehmenden eine Liste „Die GANZtagsschule: es geht ums Ganze!“ aus, die 14 Organisationsmerkmale zur Gestaltung der Ganztagsschule umfasst.

  • Gut ankommen („Empfangszeit“)
    Die „Empfangszeit“ dient zu erfahren, was die Kinder und Jugendlichen am vorherigen Tag oder auf dem Weg zur Schule erlebt haben. Dies erscheint insofern notwendig, als von diesem Aspekt die konkrete Gestaltung des Schultages abhängt.
  • Sich sammeln, sich sehen, sich wahrnehmen
    Es bedarf der Etablierung eines festen gemeinschaftlichen Rituals, das nicht nur der Einstimmung in den Tag nützt, sondern auch dem Aufbau einer Schulgemeinschaft und Schulkultur dient.
  • Den Tag planen: Schwer-Punkte und auch Leicht-Punkte setzen
    Anstatt Kindern und Jugendlichen einen 45-Minuten-Rhythmus und bestimmte Inhalte, die der Lehrer im Vorfeld vorbereitet, aufzuoktroyieren, sollten Kinder und Jugendliche selbst ihren Schultag planen, denn sie wissen am besten Bescheid über ihren eigenen Biorhythmus, über mögliche Hoch- und Tiefpunkte sowie über diejenigen Inhalte, die sie aus Eigeninteresse bearbeiten und diejenigen Inhalte, die sie noch bearbeiten müssen.
  • Konzentriert arbeiten
  • Sich erfrischende Pausen gönnen
    Wer konzentriert arbeitet, braucht auch Pausen zur Erholung. Wann der Einzelne eine Pause benötigt, kann nur individuell entschieden werden. Demnach müssen Pausen selbstgewählt sein und können nicht für alle verbindlich vorbestimmt werden.
  • Kultiviert speisen
    Das gemeinsame Mittagessen fungiert als kulturelles Erlebnis, das zur Verständigung und Annäherungen von Menschen anregt.
  • Die einen ruhen, die anderen toben, wieder andere lassen sich unterhalten und noch andere machen noch etwas anderes…oder Entspannung von der nächsten Anspannung
    Nach dem Mittagessen sollten vielfältige Angebotsformen zur Verfügung stehen, so dass jeder seine Vorstellung des Ausruhens oder des Aktiv-Werdens ausleben kann.
  • Üben, üben, üben – für mich, mit anderen
    Es gibt Aufgaben, die nicht ohne individuelles Lernen erfüllt werden können. Sie bedürfen also der Übung. Da die Ganztagsschule meistens bis 16 Uhr andauert und dann keine Hausaufgaben mehr erledigt werden sollten, stellt sich die Frage, wie solche Übungsphasen in den Schultag integriert werden können und wer sie betreut.
  • Sich Neues, Unbekanntes, Unvertrautes erschließen "Wo – was – mit wem – bei wem"
    Lebensrelevantes Lernen bedeutet Annäherung an Unvertrautes und bedeutet mehr als nur Fachkunde. Es kann sich also nicht um die Verschulung der Welt handeln, sondern um das komplexe Lernen in der Wirklichkeit, wodurch außerschulische Lernorte erschlossen werden müssen. Demnach kann Lernen nicht ausschließlich im Schulgebäude stattfinden.
  • Verantwortung übernehmen für wichtige Herausforderungen, für andere Menschen und mit anderen Menschen
    Da mit dem herkömmlichen Unterricht bei Kindern und Jugendlichen kein Verantwortungsbewusstsein geweckt wird, sollte es durch verantwortungsvolle Aufgaben, die außerhalb der Schule und über einen längeren Zeitraum stattfinden, angeregt werden.
  • Sich vergewissern: was habe ich, was haben wir – vielleicht auch nicht – geschafft?
    Dieses Organisationsmerkmal zielt darauf ab eine langfristige Feedbackkultur mit verschiedenen Formen der Rückmeldung zu entwickeln.
  • Den (Arbeits-/Lern-Tag) ausklingen lassen: individuell und/oder in gelebter Gemeinschaft
    Es sollte jedem freigestellt sein zu entscheiden, ob das Ende des Schultags alleine oder gemeinsam mit anderen verbracht wird.
  • Zuhause in einem wertschätzenden Zuhause ankommen
    Auch in außerschulichen Bereichen, sollten Kinder und Jugendliche auf ein Umfeld treffen, von dem sie wahrgenommen und ernst genommen werden und in dem sie sich mit anderen austauschen können.
  • Frei sein für ganz anders
    Neben geplanten Räumen und organisatorischen Gefügen brauchen Kinder und Jugendliche auch Freiräume, die sie nach ihren eigenen Vorstellungen und Wünschen nutzen können.

Insgesamt wird deutlich, dass die Ganztagsschulentwicklung nicht nur von finanziellen und personellen Ressourcen abhängig ist, sondern ganz entscheidend von einem weiteren umfangreichen Bereich beeinflusst wird, der sich zum Beispiel im Engagement des Einzelnen und in dem Zusammenspiel aller Beteiligter entäußert. Ganztagsschule, so Otto Herz, ist kein Ziel, sondern ein Mittel! Eine Diskussion über die Mittel kann allerdings nur auf der Grundlage einer vorhergehenden Verständigung über die Ziele und deren Festlegung stattfinden.

Zum Abschluss seines Vortrags bezieht sich Herz auf die Ziele von Guter Schule. Um sie zu vergegenwärtigen, stellte Otto Herz sein ABC der Ganztagsschule vor. Seine Hoffnung ist, das ABC der Ganztagsschule neu zu buchstabieren – frei nach wirklichen Zielen und Bedürfnissen aller.

Beispiele hier für sind:

  • Ein Atmosphäre der Achtung, der Anerkennung und der Akzeptanz aufbauen!
  • Jedem Charakter sein Charisma zuerkennen!
  • Zu einem Klima der Kooperation beitragen und Konfrontationen kooperativ kontern!
  • Sich mit der Qualität des Querdenkens quälen!

Den Postkartensatz mit 25 Karten und Poster des „ABC der Ganztagsschule“ erhalten sie bei:
otto.herz@gmx.de

linie.jpg

k_14.jpg aus der Tagungsdokumentation zur 4. Fachtagung
„Ganztagsschule der Zukunft – Entwicklungen und Herausforderungen“
04. – 05. Juni 2008

Herausgeber
Werkstatt 1 „Entwicklung und Organisation von Ganztagsschule“
Institut für Schulentwicklungsforschung
Technische Universität Dortmund
Vogelpothsweg 78
44227 Dortmund
Redaktion & Autoren
Dipl. Päd. Ilse Kamski
Dipl. Päd. Thomas Schnetzer
Annika Hillebrand
Simone Menke

Datum: 6.09.2008
© www.ganztaegig-lernen.de



Themen
Praxis & Materialien
Serviceagenturen
Schulentwicklung

 

Ganztagsschule der Zukunft
Über Entwicklungen und Herausforderungen der Ganztagsschule in der Zukunft informierten sich und diskutierten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der 4. Fachtagung. von Cornelia Alban öffnen

Aus der Werkstatt "Entwicklung und Organisation von Ganztagsschulen"
"Wir denken uns unsere Schule selbst"
 Wie sollte die Ganztagsschule der Zukunft aussehen? Auch wenn sich viele Ganztagsschulen etabliert haben, bleiben Herausforderungen bestehen, wie zum Beispiel pädagogische Partner zu integrieren, Eltern einzubinden und neue Gestaltungsspielräume zu nutzen. öffnen