Die Idee des Service Learning

von Dr. Karsten Speck und Holger Backhaus-Maul
Die ursprüngliche Idee der systematischen Förderung des freiwilligen Engagements in schulisch geprägten Arrangements stammt aus dem US-amerikanischen Raum und rekurriert vor allem auf den reformpädagogischen Lernansatz von John Dewey (Civic Education). Dewey hatte in seinen Werken den Zusammenhang von unmittelbarer Lernerfahrung im Erziehungsgeschehen und dem demokratischen Wandel in der Gesellschaft herausgearbeitet.
Diese Überlegungen wurden seitdem vielfach nachgeahmt, weiterentwickelt und haben auch in der ausdifferenzierten Gesellschaft ihre Entsprechung gefunden. Während der Begriff Service Learning bei Dewey noch keine zentrale Rolle gespielt hat, wird er heutzutage häufig verwendet, um sowohl die innere als auch die äußere Öffnung von Schule zu beschreiben. Einerseits werden curriculare Begrenzungen durch einen interdisziplinären, handlungszentrierten Ansatz aufgehoben und in eine aktivierende Schulprogrammentwicklung überführt. Auf der anderen Seite findet ein dialogorientierter Austausch zwischen Schule und Gemeinwesen statt, der vergleichsweise neue Möglichkeiten für erfahrungsbasiertes Lernen bietet (vgl. hierzu Adloff 2001 und Sliwka 2004a).
Zentraler Bezugsrahmen der Überlegungen zur Kooperation von Schule, Eltern, Wirtschaftsunternehmen, Wissenschaftseinrichtungen, Verwaltungen und den Organisationendes gemeinnützigen Sektors ist die in ein kommunikatives System wechselseitiger Rechte und Pflichten eingebettete Gemeinschaft (vgl. Sliwka 2002). Schule befindet sich dabei an der Schnittstelle der verschiedenen Gemeinwohlinteressen und bietet sich an, den gesellschaftlichen Mehrwert im Sinne einer reziproken Logik so zu kultivieren, dass möglichst viele Akteure in Kooperationsverhältnisse zum gegenseitigen Vorteil investieren.
Unterscheidung von Service Learning, Community Service und Praktika
Die Bedeutung von Service Learning wird in der Gegenüberstellung zum so genannten Community Service, was in Deutschland traditionell als ehrenamtliche Tätigkeit verstanden wird, und zu berufsorientierten (Sozial-)Praktika noch deutlicher. Während Community Service tendenziell auf karitative Tätigkeiten beschränkt bleibt, die nicht mit der Unterrichtsgestaltung verbunden werden und dementsprechend auch die kognitive Dimension des Praxiseinsatzes vernachlässigen, kommt es bei Berufspraktika weniger auf die Lösung von Problemen im Gemeinwesen und die durch das Curriculum gestützte ethische Persönlichkeitsentwicklung an (vgl. Koopmann im Rückgriff auf Furco 2002).
Daraus lässt sich auf eine eigene Qualität des Lehr- und Lernkonzeptes Service Learning schließen. Durch die Verschränkung von Curriculumgestaltung und Gemeinwesenaktivität entstehen Gelegenheitsstrukturen für Schüler/innen, sich umfassend zu befähigen. Sie sollen gleichermaßen Beiträge für das Gemeinwesen leisten, den Sinn freiwilliger Beteiligung erleben, den Schulstoff lernen und berufsrelevante Kompetenzen erwerben können. Gegenüber konventionellen Unterrichtsmethoden würde sich Service Learning dementsprechend durch praxisnahe Reflexionsgelegenheiten, einen interdisziplinären Zuschnitt sowie schulinterne und gemeinwesenbezogene Kooperationsformen auszeichnen.
Zielgruppen von Service Learning
Der ausdrückliche Bezug von Service Learning auf die Institution Schule erklärt sich aus der sozialwissenschaftlich belegten These, dass Engagement mit einer höheren Wahrscheinlichkeit, Intensität und Verbindlichkeit ausgeübt wird, wenn es in der frühen Kindheits- und Jugendphase nicht nur vorgelebt, sondern vor allem auch selbst praktiziert wurde (vgl. Picot 2000 und 2006; Abs 2004). Schule kommt hierbei eine herausragende Bedeutung zu, da sie als gemeinschaftsbildende Sozialisationsinstanz mittels rechtlich kodifizierter Schulpflicht potenziell vollständige Jahrgänge einbeziehen kann (vgl. BLK 2001) und Engagementförderung nicht automatisch mit sozialer Selektion verbunden ist. Service Learning kann sich sowohl an die Schüler/innen, Schülergruppen, den Klassenverband oder die ganze Schule richten. Schule selbst, die gemeinnützigen Organisationen und weitere Partner können von einer kollaborativen Gemeinwesenkultur, die durch Service Learning angeregt wird, profitieren. In einer kollaborativen Gemeinschaft steht es jedem Mitwirkenden frei, entsprechend seinen Möglichkeiten gemeinwohlorientiert tätig zu werden und daraus auch einen individuellen Vorteil zu ziehen. Das ist möglich, wenn über den Aufbau vertrauensbasierter Netzwerke soziales Kapital gebildet wird (vgl. Putnam 2000).
Je mehr von diesem Kollektivgut vorhanden ist, d.h. je mehr in die Bedingungen von Kooperationen zum wechselseitigen Vorteil investiert wird, desto geringer fallen die so genannten Transaktionskosten in der Beziehung zwischen Politik, (Schul-)Verwaltung und den Bürger/innen aus (Offe 1999: 114). Insofern kann Service Learning als wichtiges Element beim Aufbau einer sozialen und ökologischen Zivilgesellschaft bezeichnet werden.
Erfahrungen mit Service Learning in Deutschland
Für die Umsetzung von Service Learning in Deutschland wird gelegentlich „Erfahrungs- oder Verantwortungslernen“ als Übersetzung herangezogen, was nicht unproblematisch ist, weil damit unter Umständen spezifische kulturelle Konnotationen unberücksichtigt bleiben. Während Service Learning ursprünglich auf einer Kultur der freiwilligen Selbstverpflichtung beruht bzw. sie befördert, lassen sich in Deutschland noch immer die Pfadabhängigkeiten des traditionellen Ehrenamtes feststellen. Ein gesellschaftliches Klima für Partizipation von Kindern und Jugendlichen ist in Deutschland vergleichsweise schwach entwickelt (vgl. Fatke/Schneider 2005). Der Freiwilligensurvey stellt hierzu fest, dass die Engagementbereitschaft von Kindern und Jugendlichen sehr hoch ausgeprägt ist (vgl. Gensicke 2006), was aber offenbar nicht im gleichen Maße von den etablierten Organisationen und Institutionen des gemeinnützigen Sektors abgerufen werden kann.
Weitere Argumente, die sich stärker auf die Unterschiede der Schulsysteme beziehen, finden sich bei Sliwka (dies. 2002: 7). Unter anderem wird dort hervorgehoben, dass:
- ein effektives Zeitmanagement,
- eine Kultur professioneller Kooperation,
- der Umgang mit projektorientiertem Unterricht sowie
- leistungsbezogene Personalentwicklungsverfahren in Deutschland
nur in einem geringen Maße ausgeprägt sind. Schulen in Deutschland sind traditionellerweise nicht auf einen aktiven Austausch mit dem Gemeinwesen angewiesen. Bildung war über Jahrzehnte eine staatliche Angelegenheit, in der Engagementförderung keine nennenswerte Rolle spielte. Insofern muss davon ausgegangen werden, dass die soziokulturelle Kompatibilität von Service Learning nicht ohne weiteres vorausgesetzt werden kann.
Innerhalb der letzten Jahre ist dieses Konzept auch in Deutschland vorgestellt und in ersten Modellprojekten an Schulen und Universitäten implementiert worden. Neben der Kinder- und Jugendstiftung haben bspw. der Transatlantische Wettbewerb USable der Körber-Stiftung, der Pilotversuch „Verantwortung Lernen – Service Learning“ der Freudenberg Stiftung sowie die Initiative „Do it! – Service Learning für Studierende“ der mehrwert – Agentur für Soziales Lernen gGmbH entsprechende Beiträge mit unterschiedlicher regionaler Reichweite herausgearbeitet. Schülerinnen und Schüler sollen dabei auch hier die Möglichkeit erhalten, handlungsrelevantes Wissen zu erwerben, Problemlösungsfähigkeiten im lokalen Nahraum unter Beweis zu stellen und soziales Verantwortungsgefühl zu entwickeln (vgl. Bund-Länder- Kommission 2001 sowie Sliwka 2004a).
Zum Bericht
Quelle Ergebnisbericht Wissenschaftliche Evaluation des Programms „Service Learning – Schule gestaltet Gemeinwesen“ im Land Sachsen-Anhalt Im Auftrag der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung, Berlin
Dr. Karsten Speck Universität Potsdam Humanwissenschaftliche Fakultät Institut für Erziehungswissenschaft Postfach 601553, 14415 Potsdam
Holger Backhaus-Maul Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg Philosophische Fakultät III Institut für Pädagogik 06099 Halle
Wissenschaftlicher Mitarbeit Jan Reichenau, Dreiserstraße 20, 12587 Berlin Potsdam/Halle, im August 2007
Datum: 24.09.2008 © www.ganztaegig-lernen.de
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