Service-Learning – Lernen durch Engagement

Qualitätsstandards für effektive Projekte
Service-Learning – Lernen durch Engagement bedeutet, dass SchülerInnen sich im Kontext von Schule und eingebunden in Unterrichtsthemen gesellschaftlich engagieren. Zahlreiche Studien haben gezeigt, dass SchülerInnen durch die Teilnahme an Service-Learning Projekten viel lernen können: kognitiv wie auch sozial und persönlich.
Diese Lernerfolge werden aber nur erreicht, wenn bei der Umsetzung auf gewisse Grundsätze geachtet wird, die wir als „Qualitätsstandards“ zusammengefasst haben. Sie alle beruhen auf fundierten wissenschaftlichen Erkenntnissen und unseren Erfahrungen aus der Praxis.
Die wichtigsten 4 Qualitätsstandards
- Das Engagement der SchülerInnen reagiert auf einen echten Bedarf oder ein echtes Problem im Stadtteil oder Schulumfeld.
Die SchülerInnen werden in die Auswahl und Planung ihres Engagements mit einbezogen und übernehmen eine sinnvolle, nützliche Aufgabe.
Service-Learning beginnt dort, wo die SchülerInnen sich engagieren. Wenn sie spüren, dass sie mit ihrem Wissen und Können wirklich gebraucht werden und dass sie etwas Sinnvolles beitragen können, erfahren sie Selbstwirksamkeit. Durch eine herausfordernde Tätigkeit entsteht Neugier, Motivation und viel Gesprächsstoff, an den in der Schule angeknüpft werden kann. Umgekehrt kann eine langweilige, sinnlose Tätigkeit zu Demotivierung und Ablehnung des Projekts führen. Den realen Bedarf in einer Recherchephase gemeinsam herauszufinden, sollte daher Teil eines jeden Projektes sein. Wichtig ist, dass die SchülerInnen eine Aufgabe übernehmen, bei der sie sich mit ihren Stärken und Interessen einbringen können, und die sie daher als „ihre“ Aufgabe begreifen. So kann verhindert werden, dass sie als „die zehnte Praktikantin“ wahrgenommen oder sogar als Belastung empfunden werden.
- Die Projekte sind Teil des Unterrichts und/oder werden mit Unterrichtsinhalten verknüpft.
Ein Kernziel von Lernen durch Engagement ist, dass SchülerInnen die praktische Anwendbarkeit von schulischem Wissen erfahren. Und dass sie umgekehrt mit ihren eigenen Erfahrungen den Unterricht bereichern können. Dadurch wird das in der Schule gelernte Wissen in einen Kontext gesetzt. Es wird, um in den Worten John Deweys zu sprechen, von „abrufbarem Wissen“ zu „verstandenem Wissen“, das auch auf andere Situationen übertragen werden kann. Die enge Verbindung von kognitivem und sozialem Lernen, so dass beide voneinander profitieren, ist die Besonderheit von LdE. Die Anbindung an den Fachunterricht ist auch wichtig, um SchülerInnen zu erreichen, die sich außerhalb der Schule nicht freiwillig engagieren würden. Und: Es geht bei LdE auch um Unterrichtsentwicklung, um eine alternative Form von Lehren und Lernen. Unterricht wird durch LdE lebendig und handlungsorientiert.
- Es findet eine regelmäßige & geplante Reflexion der Erfahrungen der SchülerInnen statt.
Reflexion ist DAS Bindeglied zwischen den persönlichen Erfahrungen im Engagement und dem schulischen Lernen. Denn: Für ein tiefes Verständnis müssen Wissen und Erfahrungen verknüpft interpretiert werden. Genau dies wird durch Reflexion geübt. Das mit gezielten Fragen angeleitete Nachdenken über den Kontext und die Bedeutung der eigenen Erfahrung macht den Sinn des Engagements für die SchülerInnen deutlich. Eigene Stärken und Schwächen werden klarer, der Transfer fachlichen Wissens wird erleichtert und metakognitive Kompetenzen (z.B. komplexes Problemlösen, eigene Lernprozesse steuern) werden trainiert.
Beispiel für einen Reflexionskreislauf
Konkrete Erfahrung (z.B. Betreuung eines Migrantenkindes) Beleuchtung aus verschiedenen Perspektiven (z.B. Was bedeutet Migration? Warum gibt es Flüchtlinge? Was ist meine eigene Rolle dabei?) Ableitung abstrakter Hypothesen (z.B.: Für ein friedliches Zusammenleben in unserer Stadt brauchen wir Integration. Integration beginnt oft mit dem Erlernen von Sprache) Anwendung zur Problemlösung (z.B.: Das nächste Mal informiere ich die Familie meines Mentorenkindes über angebotene Sprachkurse).
- Das praktische Engagement der SchülerInnen findet außerhalb der Schule statt
(ab den Jahrgängen 5/6).
Für die SchülerInnen bietet das Engagement außerhalb der Schule ein neues Lernfeld. Sie erhalten die Möglichkeit, Situationen zu meistern, in die sie der „normale“ Schulalltag nicht bringen würde. Sie üben den Transfer ihres Wissens, ihrer Fähigkeiten und ihrer Kompetenzen vom „Schonraum“ Schule ins „reale Leben“. Durch ihr Engagement in der Gemeinde bzw. in ihrem Stadtteil lernen sie, wie sie einen echten Beitrag für die Gesellschaft leisten können.Dadurch erleben sie die Sinnhaftigkeit ihres Lernens und Handelns. Und: Die SchülerInnen kommen mit Menschen in Kontakt, die sie sonst möglicherweise niemals treffen würden (z. B. andere sozialen Schicht, Religion, Ethnie). Durch solche Kontakte werden zum einen Brücken innerhalb der Gesellschaft geschlagen und soziales Kapital aufgebaut. Zum anderen wird externe Expertise aus der Gemeinde oder Gesellschaft zur Bereicherung des Lernens genutzt. Von der Kooperation mit außerschulischen Partnern kann die Schule auch insgesamt profitieren. Denn: Es geht beim Lernen durch Engagement immer auch um eine Öffnung von Schule, um die Entwicklung hin zu einer „Schule im Stadtteil“.
Die ersten vier Qualitätsmerkmale sind so essenziell, dass jedes Projekt zum Lernen durch Engagement sie anstreben sollte. Je mehr dieser Merkmale erfüllt werden, desto größer der Erfolg für SchülerInnen, LehrerInnen, Schule und Engagement-Partner.
Darüber hinaus gibt es einige weitere Qualitätsleitziele, von denen die Lernen durch Engagement-Aktivitäten profitieren können.
Weitere wichtige Qualitätsstandards sind
- Die SchülerInnen sind aktiv in die Planung des Projekts und die Ausgestaltung der Lernen durch Engagement Aktivitäten einbezogen
- Die SchülerInnen haben eine echte „Stimme“ im Projekt. Das steigert die Motivation und das Gefühl von Beteiligung („involvement“)
- Die SchülerInnen machen sich ihr Projekt wirklich zu Eigen („ownership“)
- Die Eltern werden in die Aktivitäten zum Lernen durch Engagement einbezogen
- Lernen durch Engagement wird ernsthaft bewertet (Leistungsnachweis, Benotung)
- Das Engagement der SchülerInnen beträgt mindestens 20 Schulstunden (z. B. verteilt über ein Halbjahr)
- Die Aktivitäten zum Lernen durch Engagement werden evaluiert
- Es findet eine Ergebnispräsentation oder eine andere Form der öffentlichen Anerkennung und Würdigung statt
- Lernen durch Engagement ist Teil des Schulprofils und fest im Schulleben verankert
- Idealerweise wird Lernen durch Engagement zum festen Bestandteil einer jeden Schülerbiographie
© Lernen durch Engagement – Netzwerk und Kompetenzzentrum für Service-Learning Anne Seifert & Sandra Zentner, Freudenberg Stiftung www.lernen-durch-engagement.de
Datum: 8.11.2008 © www.ganztaegig-lernen.de
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