Über den Schulhof hinaus
von Dr. Cornelia Alban
... schauten rund 140 Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Fachtages für Akteure in existierenden und entstehenden Bildungslandschaften am 5. Dezember 2008 in Berlin. Im Mittelpunkt der Veranstaltung stand die Frage, wie alle Beteiligten mobilisiert und sensibilisiert werden können, Bildungslandschaften partizipativ zu gestalten.
Der Veranstaltungsort, das Ernst-Reuter-Haus, erwies sich als würdige Kulisse für das Aufeinandertreffen von verschiedenen Perspektiven, variierenden Rahmenbedingungen, Schwerpunkten und Arten der Beteiligung in Bildungslandschaften. Der mächtigen Ernst-Reuter-Büste im Eingangsbereich war ein leichtes Raunen zu entlocken, es schien als wolle sie den Besuchern mitgeben: „Akteure dieser Republik – schaut über den Schulhof hinaus.“

99 Luftballons
Zur Begrüßung warteten Ilona Böttger für das thematische Netzwerk Bildungslandschaften und Hilde Wackerhagen, Kabarettistin, mit einer launigen Persiflage über den pädagogischen Fachjargon auf. Hilde Wackerhagen empfahl, „einen nachhaltigen Konzeptballon für Bildungslandschaften zu entwickeln, mit dem Fachballon abzuheben, die gemischte Angebotsnutzung in den Blick zu nehmen, messbar Heißluft abzulassen, um mit dem Fachtagsballon über den Schulhof hinauszuschweben“.
Derart heiter eingestimmt, versprach Professor Dr. Gerhard de Haan mit seinem Einführungsvortrag: Bildungslandschaften – aus der Zukunft in die Gegenwart geschaut, „noch mehr Ballon zu geben“. Was auch geschah.
Wissen ist Macht
Der Erziehungswissenschaftler und Zukunftsforscher von der Freien Universität Berlin zeigte anhand einiger empirischer Belege, welche Bedeutung Wissen und Bildung für die Zukunft des Standorts Deutschland hat:
- Wissen diktiert die Preise. 70 Prozent des Preises von Mikrochips sind durch Wissen bestimmt. Bei den Pharmaprodukten liegt der Wert gar bei 80 Prozent.
- 70 bis 80 Prozent des Wirtschaftswachstums basieren auf neuem und verbessertem Wissen. Wissen ist damit zur wichtigsten Produktivkraft geworden.
- Von 34 Millionen Erwerbstätigen arbeiten heute schon rund 20 Millionen im Bildungsbereich.
Jugendliche ab 14 Jahren verbringen durchschnittlich zehn Stunden am Tag mit Medien, gelesen werden davon 65 Minuten. Lernen findet damit primär im medialen Kontext statt. Für de Haan ist die Ausgangslage dadurch determiniert, dass das deutsche Bildungssystem nicht auf Zukunft eingerichtet ist.

In die Glaskugel geschaut
20 bis 40 Jahre weiter in die Zukunft zu blicken, dies unter plausiblen Annahmen, führen bei de Haan zu folgenden sieben Thesen:
These 1 Schule löst sich von innen auf. Ein Merkmal dafür ist die Reduktion der Schulzeit von 13 auf 12 Jahre. Ein anderes ist vermehrter Projektunterricht an außerschulischen Lernorten. Eine Schülerbefragung ergab, dass 90 Prozent aller Schülerinnen und Schüler Schule klasse fänden, wenn es keinen Unterricht gäbe.
These 2 Vom formellen zum informellen Lernen. Der Relevanzverlust von Unterricht zeigt sich in dem Bedeutungszuwachs von informellem Lernen.
These 3 Herkömmliche Schule erfährt durch die Orientierung an Kompetenzen einen Bedeutungsschwund. Denkbar wäre, dass man nur noch für den Test zur Zertifizierung zur Schule ginge und es gleichgültig wäre, wo und wie man Kompetenzen erwirbt.
These 4 Die Schule wird von außen aufgelöst. Die Regionalisierung von Bildung, lernende Regionen, das Interesse von Kommunen und Wirtschaft weisen daraufhin, dass Schule nicht mehr als isolierter Bereich aufrechterhalten werden kann.
These 5 Der demografische Wandel marginalisiert Schule. Wenn aufgrund der Alterspyramide lebenslanges Lernen Schwerpunkt von Bildungsbiografien wird, ist die Schulzeit davon nur noch ein verschwindend kleiner Zeitraum.
These 6 Neue Technologien bestimmen, wie und wo Wissen erworben wird, und führen zum Aussterben der traditionellen Unterrichtsanstalten. Vorstellbar wäre stattdessen ein „großes WIKI-Paket, in dem kollektive Intelligenz gebündelt ist“.
These 7 Die Pharmazie hält Einzug in die Köpfe. Die Pharmaziegläubigkeit nimmt zu; Medikamente für die Steigerung der individuellen Leistungsfähigkeit erreichen hohe Zuwachsraten.
Und die Moral von der Geschicht’? „Wer nicht mitmacht, bleibt zurück. Mit dieser Schule können wir keinen Staat machen, schon gar nicht eine Wissensgesellschaft“, verrät der Experte in Sachen Zukunft. Die Zustimmung der Zuhörerinnen und Zuhörer signalisierte, dass es gilt, nicht das „Schicksal Schule“ zu erleiden, sondern sie aktiv zu gestalten. So machten sich die Akteurinnen und Akteure auf den Weg.
Auf dem Weg zum Horizont
Vier Themenstränge führten durch den Fachtag:
- Partizipation und Empowerment im Kontext von Armut und Migration – Beteiligungsformen in besonders belasteten Quartieren
- Schule als Kristallisationspunkt – Welche Rolle spielt Schule in kommunalen Bildungslandschaften?
- Partizipation ein Kinderspiel? Gelingensbedingungen der Beteiligung von Kindern und Jugendlichen in der Kommune
- In Verantwortung denken, nicht in Zuständigkeiten!
Zu diesen Themengebieten wurden in zwei Workshopphasen Praxisbeispiele aus unterschiedlichen Bildungslandschaften und Bundesländern präsentiert und in Impulsvorträgen von Experten theoretische Hintergründe vermittelt. Ein dichtes Programm, das in den Pausen um den intensiven fachlichen Austausch untereinander bereichert wurde.
Die unsichtbare Wand durchbrechen
Dr. Lutz Liffers von der Initiative „Kultur vor Ort“ verdeutlichte anhand des Bremer Stadtteils Gröpelingen, dass es nicht nur belastete, benachteiligte Stadtteile gibt, sondern dass das Leben in diesen Quartieren wiederum selbst zu benachteiligenden Bedingungen für Kinder und Jugendliche führt. Verfestigte Armutsmilieus, eine schwache lokale Ökonomie, ein hoher Anteil von Migranten ohne gesellschaftliche Akzeptanz und Menschen in prekären Lebenssituationen haben Stigmatisierung („eine schlechte Adresse“), Exklusion („Das Leben findet woanders statt“) und Abkoppelung von globalen Entwicklungen zur Folge. Begleitet werden sie von sozialer Selbsteinkapselung, Stadtteilflucht, politischer Resignation und mangelhaften Partizipationsstrukturen. Statt einer blühenden Bildungslandschaft sehen wir uns mit einer Bildungswüste konfrontiert.
Wie kann man diese Wand durchbrechen? Lutz Liffers setzt auf die Entwicklung von Schutzfunktionen, auf eine gute Bindung an die Eltern, positive Rollenvorbilder, „nachholende Resilienz“ (Krisenfähigkeit) und Selbstwirksamkeitsüberzeugungen. „Ich werde mein Leben meistern“, diese Aussage zeugt von einem Selbstkonzept, mit dem es gelingen kann, die Mauer einzureißen. Aber das kann nicht alleine bewerkstelligt werden, dazu braucht man Bündnispartner und Kooperationsstrukturen, mit denen „kollektiv das Trauma aufgebrochen wird“.
Kunst macht Bildung
Ziel der Stadtteilinitiative ist es, kulturelle, ästhetische und politische Bildung als informelle alternative Bildungsmöglichkeit zu etablieren. Dazu hat sie im Quartier ein Kinder- und Jugendatelier eingerichtet, das Kinder, die in der Schule Schwierigkeiten haben, während der Unterrichtszeit besuchen können. Die Arbeit mit Künstlern, das Erschaffen von Werken, Präsentationen und Vernissagen an außerschulischen Orten vermitteln Kindern und Jugendlichen ein Selbstwirksamkeitsgefühl – weg vom schulischen Leistungsstress, das ihre Entwicklung begünstigt. „Wir müssen den Eigensinn der Kinder fördern, erst dann ist Partizipation möglich, betont Lutz Liffers.
Widersprüche auszuhalten, Diversivität lebbar zu machen, Kultur und Bildung als Distinktionsressource zu begreifen sowie Interkultur als produktive Konfliktkultur zu verstehen, sind weitere Kernelemente einer Empowerment-Strategie für benachteiligende Stadtteile. Vom Gröpelinger Ersatzreliquienhandel (in dem man eine Träne des ehemaligen Bremer Bürgermeisters Hans Koschnick anlässlich der Schließung der Werft erwerben kann), über das Pink House Bremen (einem aufblasbaren, pinkfarbenen griechischen Tempel als Ort von Debatten über den Stadtteil) bis hin zum Projekt „Gästeklo“ ( „Denn das ist etwas, was wir trotz aller Unterschiede gemeinsam haben, den Stuhlgang.“) und dem Sprachenfestival „Feuerspur“ reicht der bunte Reigen von Projekten der Bremer Stadtteilinitiative. Mit ihnen will sie neue Zugänge zu Eltern und Familien schaffen. Da staunt eine Bremer Teilnehmerin, „dass ich extra nach Berlin fahren muss, um von solchen tollen Projekten in Bremen zu hören“, und lädt sich kurzerhand selbst zu einem Besuch in Gröpelingen ein.

Blühende Landschaften
Was kann Schule als Mitgestalterin kommunaler Bildungslandschaften leisten und was braucht sie dafür? Diese Frage stellte Professor Dr. Olaf-Axel Burow, Universität Kassel, in den Mittelpunkt seines Impulsvortrages und bot einleuchtende Antworten. „Schulen lernen am besten von Schulen, bei den Kommunen ist es genauso. Deshalb müssen wir schauen, wie machen die das, um Bildungsregionen zu entwickeln. Wir müssen die Potenziale der Region und die ‚Weisheit der Vielen’ so nutzen, dass Schule zum Teil eines kreativen Feldes wird“, lautet das Credo des Erziehungswissenschaftlers. Nach verschiedenen Untersuchungen ist Bildungsvernetzung ein Schlüssel für erfolgreiche Regionen. So erklären Patentindikator und die angemeldeten Kopatente z. B. die bessere Performance Jenas gegenüber Kassel. Ein anderer ist die Kreativität. Es gibt eine enge Korrelation zwischen Kreativität und Wirtschaftswachstum, deshalb müssen Werte wie Talent, Toleranz und Technologie gepflegt werden, da sie Kreativität fördern, schlussfolgert Burow.
Dass Kreativität nicht nur in Spitzenregionen gedeiht, zeigen Agglomerationen wie Silicon Valley (u. a. Google, Yahoo, Apple), Liverpool (Beatles) und Bengaluru („indisches Silicon Valley“). Deshalb ist die entscheidende Frage, wie kann man Schwächen einer Region in Stärken verwandeln.
Glück ist ansteckend
Glück ist offenbar genauso ansteckend wie Schnupfen. Ein zufriedener Mensch macht Freunde, Verwandte und Nachbarn glücklich. Selbst Personen, die ihn nur über mehrere Ecken kennen, können profitieren, berichtet Burow über die Erkenntnisse von James Fowler von der University of California in San Diego und Nicholas Christakis von der Harvard University. Die beiden Soziologen werteten Daten einer großen Studie aus, in der mehr als 5000 Erwachsene über einen Zeitraum von 20 Jahren begleitet und regelmäßig zu verschiedensten Themen befragt worden waren. Sie kommen zu dem Schluss: Glück kann sich wie eine Epidemie ausbreiten, ein Befund, der sich übrigens auch auf Nichtrauchen oder Übergewicht übertragen lässt.
Was bedeutet dies nun für „depressive Regionen“? Nach dem Gesetz der Wenigen müssen Akteure, Experten und Vernetzer in Bildungslandschaften eine Aufbruchstimmung erzeugen, eine Art soziales Virus implantieren, für eine Epidemie der Veränderung sorgen, damit „ sich die sozialen Netze verändern und wir uns mit ihnen“. Triebkraft einer solchen Bewegung ist einerseits ein gemeinsames Bildungsverständnis, andererseits die Erfahrung, dass „Zukunft gestaltbar ist“. Ein glückliches Schlusswort, das vielleicht den Anfang einer hoch ansteckenden Epidemie blühender Bildungsregionen markiert.
Datum: 12.12.2008 © www.ganztaegig-lernen.de
Fotos: Berit Nissen
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