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Pausengestaltung in der Ganztagsschule

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Pause heißt: nichts tun müssen, aber etwas tun können

Oggi Enderlein • Nicole Schattat • Marion Welsch

„In der Schule werden bei der Gestaltung des Arbeitstages die Pausen- Bedürfnisse der Lehrkräfte oft übersehen; auch andere arbeitswissenschaftliche Kenntnisse spielen dabei eine eher untergeordnete Rolle. So ist wegen des Frühstück-Rituals in der Grundschule die längste Pause meist nach der 2. Unterrichtsstunde platziert, während aus arbeitswissenschaftlichen Gesichtspunkten zu fordern wäre, dass die Pausendauer mit fortschreitender Zahl der Unterrichtsstunden zunehmen sollte“ (Schönwälder 2002).

Bei der Planung von Ganztagsschule spielt das Thema Rhythmisierung eine wichtige Rolle (vgl. Höhmann/Kummer 2007). In der Praxis beschränkt es sich aber offenbar häufig auf eine veränderte Dauer der Unterrichtsstunden, die verkürzt oder verlängert werden. Die Verteilung und Länge der Pausen scheint dagegen oft nur eine Art „Abfallprodukt“ der Unterrichtsgestaltung zu sein.

Es gibt jedenfalls Grundschulen, die den Schüler/innen im Anschluss an den Vormittagsunterricht nur 20 Minuten Zeit zum Mittagessen einräumen, ehe es schon wieder mit verbindlichen AGs, Hausaufgabenbetreuung oder anderen Unterrichtsangeboten weitergeht. Besonders problematisch ist die Situation an vielen Gymnasien, wenn diese noch als Halbtagsschule geführt werden. Der Unterricht geht oft bis 14:30 Uhr oder länger, die „Mittagspause“ ist manchmal nur 15 Minuten lang und zudem
gibt es häufig kein Essensangebot.

Gesetze des Biorhythmus

Junge Menschen in Deutschland werden durch Schule immer häufiger in ein enges Zeitkorsett geschnürt, in dem sie ein „Arbeitspensum“ absolvieren müssen, das auf die Gesundheit keine Rücksicht nimmt – und außerdem erfolgreiches Lernen eher behindert als fördert. In Ganztagsschulen kann es dagegen einen sich gegenseitig verstärkenden Effekt von Zeitgewinn, Wohlbefinden und Lernerfolg geben (vgl. Drews 2008). Eine freiere Zeitstruktur innerhalb des Unterrichts und eine veränderte Dauer der einzelnen Fachstunden sind gewiss erste wichtige Schritte, um Zeitdruck und Stress zu mindern. Schule wird aber gesünder und auch erfolgreicher, wenn Pausen bewusst eingesetzt werden und die Gesetze des Biorhythmus, der Wechsel von Konzentration und Entspannung sowie die altersspezifischen Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen beachtet werden (vgl. Siepmann/ Salzberg-Ludwig 2006, S. 97 f.).

Das heißt: Die Pausen, vor allem die Mittagspause, müssen im Ganztagsbetrieb ausgeweitet und in ihrer Bedeutung für die gesunde körperliche, soziale und emotionale Entwicklung der Kinder und Jugendlichen deutlich aufgewertet werden. Die große Pause am Vormittag sollte nicht kürzer als 20 Minuten, besser 30 Minuten lang sein, damit die Schüler/innen genügend Zeit haben, um wenigstens eine Kleinigkeit zu essen und zu trinken (mehr dazu auf S. 103 ff.), auf die Toilette zu gehen, sich zu bewegen, sich mit anderen Kindern auszutauschen (siehe Kapitel 8), sich zurückzuziehen und zu entspannen und um die Informationen des vorangegangenen Unterrichts zu verarbeiten. Die Mittagspause sollte darüber hinaus Kindern und Jugendlichen weitere Möglichkeiten zu individuellen, spontan gewählten Aktivitäten geben. Sie sollte in der Zeit zwischen 12 Uhr und 14:30 Uhr liegen und mindestens 60, besser 90 Minuten dauern (vgl. Burk 2005, S. 70; Vogelsaenger/Vogelsaenger/Wilkening 2006, S. 10 ff.).

Sie entscheiden!

Diese scheinbar so lange Zeit ohne Unterricht, Anforderungen, Verpflichtungen und von Erwachsenen erdachter und angeleiteter „Beschäftigung“ ist keine vertane Zeit, im Gegenteil. Voraussetzung ist lediglich, dass Kinder und Jugendliche genügend Gelegenheiten haben, um aktuelle persönliche Bedürfnisse zu befriedigen und eigene Interessen zu verfolgen: So können zum Beispiel in verschiedenen Räumen unterschiedliche Aktivitäten nahegelegt werden. Ein Erwachsener – oder eine kleine Schülergruppe – fungiert als Aufsicht. Sie achten darauf, dass Regeln eingehalten werden und mit Materialien sorgsam umgegangen wird. Die Erwachsenen stehen den Schülerinnen und Schülern bei Bedarf selbstverständlich unterstützend zur Seite, halten sich als unterweisende Anleiter aber zurück. Es bleibt den Schüler/innen überlassen, was sie tun möchten: Sie entscheiden, ob sie sich allein oder zu mehreren in einen stillen Winkel zurückziehen, gemeinsam oder allein spielen, sich ausruhen und „gar nichts machen“ oder sich lieber austoben. Die Kinder können in dieser „freien“ Zeit etwas einüben, erfinden oder anfertigen, naturwissenschaftliche Experimente oder Beobachtungen machen oder etwas selbstständig organisieren. Auf dem Schulgelände und in der Turnhalle regen Spiel- und Sportgeräte zu Bewegung und Geschicklichkeitsübungen an. In der Bibliothek kann geschmökert werden. Wer möchte, kann in einem dafür vorgesehenenn Raum schon Hausaufgaben machen, in einem anderen Raum stehen Gesellschaftsspiele zur Verfügung.

Möglichkeit zur Verwirklichung

Im Musikraum gibt es Musikinstrumente zum Ausprobieren, in anderen Räumen kann geübt werden. Computerraum, Handwerks- oder Bastelraum laden zu eigenständigem Erkunden und kreativem Gestalten an. Ein Raum bietet die Möglichkeit zu improvisiertem Theaterspiel oder zur Verwirklichung anderer künstlerisch-aktiver Spontaneinfälle. In naturwissenschaftlichen Fachräumen darf unter Aufsicht eigenständig experimentiert werden. In einem anderen Raum ermuntern Zeitschriften und Zeitungen die Kinder nicht nur zum Lesen und Sich-Informieren, es können auch Bildercollagen oder neue Texte zusammengestellt werden. Selbst gefaltete Papierschiffe, Zeitungshüte, Origami-Figuren können weitere Aktivitäten und Kreationen initiieren. Mit Zeitungsblättern kann man zum Beispiel auch Verkleidungen basteln oder „geheime Lager“ unter Tischen abschirmen. Und nicht zuletzt kann man sich mit Papierknöllchen treffliche Schlachten liefern …

Es geht darum, Kinder und Jugendliche so zu unterstützen, dass sie ihre eigenen Erfindungen und Entdeckungen machen können. Selbstverständlich müssen bei diesen Angeboten die altersspezifischen Interessen der Jungen und Mädchen berücksichtigt werden. Kinder und Jugendliche werden selbst die besten Anregungen geben können, was sie in dieser „eigenen“ Zeit gern tun möchten.

Datum: 23.02.2009
© www.ganztaegig-lernen.de



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