Partizipation – von der Teilnahme zur Teilhabe

Arbeitshilfe "Partizipation in der Ganztagsschule – Bezüge, Anregungen, Beispiele"
Wolfgang Wildfeuer
„Betroffene zu Beteiligten machen“ – in diesem unbestrittenen Grundsatz der Organisationsentwicklung drückt sich neben einem vordergründigen Appell auch das Wesen von nachhaltigen Beteiligungsprozessen aus: Das Orientieren von Veränderungsprozessen an den individuellen und kollegialen Interessen und Bedürfnissen von Zielgruppen, die Schule heute mitgestalten.
Dabei geht es nicht um formale Mitwirkung mit Alibicharakter, sondern um eigenverantwortliche Gestaltungs- und Beteiligungsprozesse, die sowohl einen thematischen Rahmen haben als auch als grundlegende Handlungsorientierung dienen.
Der Begriff Partizipation leitet sich von den lateinischen Wörtern „pars, partis“ und „capere“ ab,was mit „Teil“ und „fassen, nehmen“ übersetzt werden kann. Mit der Übertragung auf Partizipation ist aber weniger eine formale Teilnahme, sondern ein aus inhaltlicher Sicht mitgestaltendes und in den Ergebnissen Mitverantwortung tragendes Tätigkeitsspektrum gemeint. Damit handelt es sich bei solchen schulischen Entwicklungsprozessen um wesentlich aktivere Mitwirkungsmöglichkeiten, als dies formale Teilhabeformen bewirken. Daher wird in der weiteren Darstellung vor allem auf Indikatoren eingegangen, die besondere Qualitätsunterschiede bei der Gestaltung von Partizipationsprozessen kennzeichnen.
Partizipation hat den Anspruch ...
Schülerinnen und Schüler nicht nur als wissensaneignendes Objekt anzusehen, sondern sie in umfassender Weise in Planung, Gestaltung und Reflexion von schulischen Prozessen einzubeziehen, die Lernen durch Erfahrungen ermöglichen und in denen Verantwortung gelebt wird. Die sich neu erschließenden Wirkungs- und Betätigungsfelder sind Erscheinungsformen eines umfassenderen Verständnisses von Schülerverantwortung. Partizipation führt so zu einer stärkeren Identifizierung mit der eigenen Schule, ihren speziellen Zielen und ihrem besonderen Profil und ermöglicht damit auch mehr Selbstentfaltung. Der einzelne Schüler erlebt seine Gestaltungsmöglichkeiten als selbstwirksam, weil er erfährt, was er bewirken kann und welche Veränderungspotenzen ihm innewohnen. Es entsteht das Gefühl, dazuzugehören und etwas zustande zu bringen. Dieser Zugewinn an eigenem Selbstwert geht einher mit der Zuversicht, Aufgaben und Prozesse ergebnisbezogen zu gestalten und aus der Perspektive der Umwelt (Eltern, Mitschüler, Lehrer), etwas Sinnvolles zu erreichen. Schülerinnen und Schüler erleben sich als aktive Gestalter und nicht als passive Ausführende.
Partizipation ermöglicht demokratisches Handeln ...
weil relevante Themen des Gemeinwohls gefunden, diese in Teams lösungsorientiert bearbeitet (oft gegenständlich und somit im wahrsten Sinne des Wortes greifbar) und der Gemeinschaft zur Nutzung zur Verfügung gestellt werden. Der gerichtete Blick auf Partizipation soll in qualitativen Abstufungen anhand der Preisträgerprojekte auf die jeweiligen thematischen Kontexte übertragen und damit für eine Nachnutzung lesbar werden. Dabei geht es nicht um eine vordergründige Bewertung, dies verbietet sich schon allein aus Respekt vor dem Mut zu und dem Erfolg von Partizipationsprojekten, sondern um den Versuch, einheitliche und damit vergleichbare Betrachtungs- und Diagnoseorientierungen zu geben, die auf ähnliche thematische Kontexte und Vorhaben übertragbar sind. Daraus wiederum sind „pädagogische Wirkungslinien“ abzuleiten, die in offenen Prozessen oft schwer zu vermitteln sind.
Klassifikation von Partizipation
Es geht im Folgenden vorrangig darum, Partizipation aus formalen Bezügen herauszulösen und sie in den jeweiligen Gestaltungsprozessen anzuschauen und zu „klassifizieren“. In einem ersten Schritt werden die unterschiedlichen Stufen betrachtet, die von Fremdbestimmung bis zur Selbstverwaltung graduell unterschiedliche Beteiligungsqualitäten beschreiben. Es lohnt sich, einen geschärften Blick hinter die Kulissen von Partizipationsprozessen zu werfen und deren Qualität zu durchleuchten. Katharina Schmidt hat für Partizipation neun Stufen ausgemacht, die durch zunehmende Selbstbestimmung der involvierten Schülerinnen und Schüler determiniert sind (Quelle: www.zukunftsschule. lernnetz.de).
- Fremdbestimmung
bei der Schülerinnen und Schüler für Vorhaben instrumentalisiert werden (beispielsweise Werbeträger), ohne als Zielgruppe über Sinn und Zweck des Vorhabens informiert zu sein. Von Partizipation kann bei dieser Stufe auch nach Meinung der Autorin eigentlich keine Rede sein, da hier eine Gruppe ohne Wissen und Einverständnis manipuliert wird. In der hier angebotenen Betrachtungsweise stellt Fremdbestimmung somit das polarisierte Gegenstück von Partizipation dar.
- Dekoration
bei der Schüler im Rahmen von bestimmten Veranstaltungen auftreten (tanzende Kinder bei einer karitativen Veranstaltung), ohne über Sinn und Zweck informiert worden zu sein. Im Gegensatz zur Fremdbestimmung haben sie hier einen sichtbar aktiveren Part.
- Alibi-Teilhabe
bei der Kinder in bestimmten Veranstaltungen bei Beschlussfassungen keinen Einfluss haben, lediglich eine „Scheinstimme“. Der wahrgenommene Freiraum erstreckt sich im Wesentlichen auf die Entscheidung, zu erscheinen oder fernzubleiben.
- Teilhabe
bei der den Kindern ein bestimmter Freiraum der Beteiligung eingeräumt wird.
- Zugewiesen
bei der die Schülerinnen und Schüler an einem von den Lehrern vorbereiteten Projekt teilnehmen können. In diesem Rahmen sind sie über Sinn und Zweck und ihren Beteiligungsfreiraum gut informiert.
- Mitwirkung
bei der die Meinung und Perspektive der Schüler aufgenommen wird (Fragebögen, Interviews), sie aber sowohl bei der vorausgegangenen Vorbereitung als auch der weiterführenden Auswertung keine Entscheidungsbefugnisse wahrnehmen können.
- Mitbestimmung
bei der alle Prozesse der Projektgestaltung gemeinsam zwischen Schülern und Lehrern ausgehandelt werden, die ursprüngliche Idee allerdings von den Lehrern kommt.
- Selbstbestimmung
bei der das gesamte Projekt von der Idee bis zum Ergebnis von den Kindern entwickelt und eigenverantwortlich gestaltet wird. Die Entscheidungen werden allein von den Schülern getroffen, die Lehrer sind unterstützend und fördernd tätig und tragen die Entscheidungen der Schüler mit.
- Selbstverwaltung
bei der die Schüler darüber hinaus auch die Selbstorganisation übernehmen. Alle Entscheidungen obliegen der Gruppe, die Lehrer werden lediglich über die Ergebnisse informiert. In der dargestellten abstufenden Betrachtung der Beteiligungsformen fällt auf, dass erst ab Punkt vier, der Teilhabe, von tatsächlicher Beteiligung gesprochen werden kann. Der Umfang an Selbstbestimmtheit und der gestaltete Verantwortungsbereich der Schülerinnen und Schüler nehmen graduell zu, die Fremdbestimmung durch Lehrer oder andere Erwachsene dagegen in gleichem Maße ab. Dies ist in hohem Maße auch vom Alter und den jeweiligen thematischen Erfahrungen und Kompetenzen der Schülerinnen und Schüler abhängig, solche Projekte selbstständig zu gestalten. Einen in der Erfassung der komplexen Wirkungen von Beteiligungen umfassenderen Ansatz liefert

Modell des „Partizipationswürfels“ Quelle: www.zukunftsschule.lernnetz.de
Von seinem Anspruch ausgehend, möchte er ein Reflexionsmodell von Partizipationsprozessen darstellen, das ein tieferes Verständnis bietet und mehrere Bezugsgrößen transparent macht. Dem räumlichen Verständnis folgend sollen drei Ebenen näher betrachtet werden, aus denen qualitative Aussagen gewonnen werden können. Mit Hilfe dieses Modells soll es möglich sein, qualitative Abstufungen der Partizipation zu zeigen, ein Erklärungsraster anzubieten, das in seinem pädagogischen Praxisbezug nicht immer eindeutige Trennschärfe zulässt, sondern auch Mischformen beschreibt.
"Partizipation in der Ganztagsschule – Bezüge, Anregungen, Beispiele" Deutsche Kinder- und Jugendstiftung Dr. Wolfgang Wildfeuer ISBN 978-3-940898-09-8
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Datum: 04.06.2009 © www.ganztaegig-lernen.de
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