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Nachdenken über eine Hinwendung zum Schüler

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Edmund Kösel
Auszüge aus seinem Basisartikel "Die Modellierung von Lernwelten"

Sind wir früher davon ausgegangen, das alles seine Ordnung, seinen Platz und seine Wahrheit  hat,   so  erkennen  immer  mehr  Wissenschaftler  auf  allen  Gebieten:  "Wir  können  heute  fast   umgekehrt  sagen:  Nichts  hat  mehr  seinen  Ort,  seinen  Platz  und  seine  Wahrheit."

Um einen Ausspruch des Wissenschaftskritikers P.  Feyerabend  zu  zitieren:  Alles  ist  möglich  – „anything  goes“,  alles  ist  begründbar,  und  vieles  verstehen  wir  nicht  mehr.  Und  vor  allem  im  Bereich der  Pädagogik  und  Didaktik  verstehen  wir  häufig  die  Kinder  nicht  mehr  und  sie  uns  als  Lehrende  oft  auch  nicht. 

Die postmoderne Situation

Der Glaube an eine absolute Wahrheit  und Gewissheit  ist  verschwunden.  Monoansprüche  und  Monobehauptungen  seitens  des  Lehrenden  im  Bereich  der  Wissenskonstruktionen,  aber  auch  im  Bereich  des  Sozialen  und  des  Ethischen  sind  für  die  Schüler  nicht  mehr  glaubwürdig  und  werden  nicht  mehr  akzeptiert.  Vor  solchen  Lehrenden  beugen  sie  ihre  Knie  nicht  mehr.  Diese  Situation  und  diese  Bewusstseinshaltung  nennen  wir  „postmodern“.  Wir  glauben  nicht  mehr  an  die  großen,  auf  totalitäre  Wahrheitsansprüche  angelegten  Theorien  und  Wissenssysteme.  Diese  waren  und  sind  heute noch  anderen Denkweisen,  Lebensformen  und  Positionen  gegenüber  intolerant  und  verstehen  sich  als besser.  Die  postmoderne  Haltung  bedeutet:  Wir  nehmen  die  Pluralität  von  unterschiedlichen Denk-, Lebens-, Lehr-, Lern- und Wertformen ernst und bejahen sie sogar; viele empfinden dies sogar als Befreiung von alten hinderlichen Denkmustern.  Diese  Erscheinung  findet  man  heute  überall.  Man  denke  nur  an  die  vielen  Positionen  zu politischen  Problemen,  wie  z.B.  zu  Arbeitslosigkeit,  Alterssicherung  u. a. m.  oder  zur Entscheidung  für  oder  gegen  Europa  mit  allen  Folgen.,  die  wir  gar  nicht kennen  können.  Sie zeigt sich  auch  in  der  andauernden  Vermischung  von  Sinnebenen  in  den  Medien  und  in  der Werbung. Solche Veränderungen erkennen wir schon in der Geisteshaltung von Kindern, die in die  Schule  kommen.  Man  denke  nur  an  die  Situation  einer  Erstklasse-Lehrerin,  die 25 postmoderne  Kinder  mit  allen  Ausprägungen  erstmals  vor  sich  hat  und  die  Aufgabe übernimmt, eine neue Bewusstseinsgemeinschaft zu entwickeln.

Die didaktische Situation
  • Die Rechtfertigung didaktischen Handelns
    Die didaktischen Theorien sind diesem Wandel meines Erachtens leider nicht gefolgt. Immer noch – seit mehr als 40 Jahren -werden die alten Modellvorstellungen, die alten Planungsraster für eine Unterrichtsstunde und die alten Leistungsmessungs-Instrumente verwendet. Im Wesentlichen wird nach wie vor stillschweigend die Abbildtheorie als Grundlage für die Rechtfertigung dieses didaktischen Handelns herangezogen, die davon ausgeht, da Wissen und Handeln des Lehrenden bei den Lernenden grundsätzlich linear-kausal – wie bei einem Abziehbild – erzeugbar und auch so reproduzierbar wären. Dieses Wissen wird dann als kultureller Bestandteil und Grundlagenqualifikation für das .überleben der nächsten Generation angesehen.

  • Der Bildungs-Tauschmarkt
    Ein solcher Glaube wird durch die gesellschaftliche Konstruktion des Bildungs-Tauschmarktes unterstützt und verfestigt.  Dieser Tauschmarkt beruht auf der Annahme, in Bildungsinstitutionen wie Schule, Fachschule,  Hochschule  usw.  wäre  Wissen durch  Rituale  der  Leistungsmessung  objektiv  feststellbar  und  Symbole  wie  Zeugnisse,  Noten  usw.  werden  als Aktien  zum  Einlass in  die  nächst  höhere  Tauschmarktstufe  berechtigen.  Es  wird  ein  Mythos  von  Gerechtigkeit  und höherem Glück  im  Sinn von hochbezahlten beruflichen Positionen erzeugt. Dieser  Mythos  hält  heute  unvermindert  spätestens  so lange  an,  bis  der  Absolvent  einer Hochschule, Fachschule usw. einen Arbeitsplatz sucht und kaum noch einen findet, da dieses Tauschmarkt-System  in  vielen  Berufsbereichen  nicht  mehr  funktioniert  oder  gar  inzwischen zusammengebrochen ist – nicht nur bei uns in Deutschland. Auch von dieser Sicht her ist eine Abbilddidaktik gesellschaftlich obsolet geworden: Milliarden sind wegen dieser Tauschmarkt-Philosophie in das gesamte Bildungssystem gesteckt worden, obwohl dieses auf dem anschließenden Arbeits-Tauschmarkt kaum noch eine Relevanz für die Sicherung eines eigenen Arbeitsplatzes hat und den Absolventen keine existentielle Sicherheit bietet.

  • Wahrheitsanspruch
    Noch  eine  dritte  Perspektive  ist  für  eine  neue  didaktische  Positionierung  bedeutsam:  Die Entwicklung  der  Wissenschaften  zeigt  immer  deutlicher,  das Theorien  und  empirische Ergebnisse  keineswegs  mehr  als  „wahres“  Wissen  gelten  können,  sondern  durch  den Paradigmenwechsel wird klar, da nicht mehr allein die linear-kausale Denkweise – die unsere technologische  Welt  in  einem  ungeheuren  Maße  verändert  und  viele  Fortschritte,  aber  auch enorme  Schädigungen  bewirkt  hat  – unsere  Welt  retten  kann,  sondern  da alles  mit  allem vernetzt ist und daher ein ganzheitliches rekursives Bewusstsein geschaffen werden muss. Der Glaube, in den kleinsten Teilen der Atome seien die Bausteine der Materie und des Geistes zu finden, ist längst nicht mehr haltbar. Im  Gegenteil:  Die  immer  größere  Aufspaltung  kann  in  sich  zwar  „Teilwahrheiten“  und  daraus abgeleitete  Teilansprüche  erzeugen,  sie  lassen  sich aber  nicht  zu  einem  neuen  emergenten, sinnvollen  Ganzen  zusammenfügen.  Dies  bedeutet  auch  für  die  Didaktik  eine  völlig  neue Situation  in  den  Bereichen  der  Wissenskonstruktion,  der  Wissensvermittlung  und  der Wissensbewertung,  aber  auch  der  sog.  „Erziehung“  und  vor  allem  eine  Neubestimmung  der Logiken des Denkens, Fühlens und Handelns.

  • Ansprüche an das Wissen
    Schließlich sind die Erwartungen der Gesellschaft insgesamt, aber auch diejenigen bestimmter Teilgruppen,  an  den  Unterricht,  an  die  Lehrenden  und  Lernenden  einerseits  z. T.  grandios überzogen  und  andererseits  unsicher.  Forderungen  nach  einer  Hyperpräzision  von  Wissen, d. h. da in der Schule die „objektive Wahrheit“ zu lehren sei, verbunden mit dem Glauben an die  Machbarkeit  und  Herstellbarkeit  von  Qualifikationen - sog.  Schlüsselqualifikationen, Basiskompetenzen usw. – richten sich an die staatlichen Bildungsinstitutionen. Dieser Glaube suggeriert, die Struktur des Individuums sei mit Hilfe von Unterricht in Richtung auf  einen  funktionierenden  Menschen  veränderbar,  so  wie  die  Theoretiker,  Vision.re, Idealisten, Träumer und Konstrukteure ihn gerne hätten. Da müssten die Lehrer „Sozialingenieure“ sein, ohne Rücksicht darauf, da jeder Schüler bereits eine inkorporierte Primärstruktur mitbringt, die er nicht mehr ändern kann. Der  Mensch  ist  – wie  es  die  Theorie  lebender  Systeme  darstellt  – ein  strukturdeterminiertes Wesen,  das  in sich  operational  geschlossen  und  rekursiv  ist;  d. h.  er  kann  nur  aus  seiner bisherigen  Lebensgeschichte  und  der  Struktur,  die  sich  daraus  entwickelt  hat,  denken  und handeln.  Änderungen  von  außen  an  seinem  Primär- und  Sekundärhabitus  sind  zunächst schwierig, wenn nicht in vieler Hinsicht sogar unmöglich. Da  der  Lehrerstand  aber  zum  großen  Teil  fachlich  leider  nicht  in  der  Lage  ist,  eine  klare professionelle  Abgrenzung  seiner  didaktischen,  methodischen  und  anthropologischen Möglichkeiten  vorzunehmen,  verspricht  er  heimlich  oder  offen,  diese  Erwartungen  auf irgendeine  Weise  zu  erfüllen.  Die  Folgen  sind  z. B.  ein  ständig  schlechtes  Gewissen  und  oft eine  symbiotische  Angst  vor Versagen.  Sogar  hoch  angesehene  Erziehungswissenschaftler spielen  in  diesem  Als-ob-Spiel  mit.  Es  kommt  noch  der  Irrglaube  hinzu,  das  staatliche Schulsystem  sei ein  völlig  intaktes  System  mit  den  besten  Ressourcen  und  den  Best-ausgebildeten Lehrern und vernünftigsten Eltern. Dies ist zumindest anzuzweifeln, wenn man bedenkt, da der Lehrerschaft in vielen Bereichen ein  Voll-Studium  an  den  Universit.ten  verweigert  wird,  wenn  man  weiterhin  bedenkt,  wie laienhaft  oft  über  Fragen  des  Lernens  seitens  der  Eltern  diskutiert  wird  und  wie  wenige Ressourcen für Verhaltenstraining, Entwicklungszeit und Persönlichkeitsentwicklung der jungen Generation von  der  Gesellschaft, aber vor  allem  auch von  Teilgruppen,  wie z. B. ehrgeizigen Eltern, zugestanden wird.

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Datum: 07.08.2009
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