Schulprogrammarbeit

Mathias Busch, Ricardo Glaser, Ralf Seifert
Der Wandel zu einer Informations- und Wissensgesellschaft, zunehmende Globalisierung und wachsende Dynamik verlangen von Schule, dass sie Schülerinnen und Schüler mit anwendungsorientiertem Wissen ausstattet und zu lebenslangem Lernen befähigt. Eine neue Lehr- und Lernkultur, die sowohl der Selbstständigkeit und Eigenverantwortung des Schülers und der Schülerin mehr Aufmerksamkeit schenkt als auch der Ausprägung ihrer sozialen Kompetenzen dient, zeichnet eine zeitgemäße Schule aus.
Dabei wird Schule heute mit einer größeren sozialen und kulturellen Heterogenität der Schüler konfrontiert. Gleichzeitig wächst das öffentliche Interesse an der Leistungsfähigkeit von Schulen. Die Schule als Handlungseinheit ist in den letzten Jahren wieder verstärkt in das Blickfeld geraten.
Zur Verwirklichung ihres Erziehungs- und Bildungsauftrages innerhalb des skizzierten komplexen Wirkungszusammenhanges entwickeln Schulen ein pädagogisches Konzept, planen und gestalten den Unterricht sowie seine Organisation auf Grundlage der Lehrpläne in eigener Verantwortung. Dieses Konzept wird in vielen Bundesländern Schulprogramm genannt. Wichtige Grundlage für das Festlegen von Zielen und Maßnahmen zur Qualitätsentwicklung an Schulen und im Schulsystem ist ein Konsens über die Definition von Schulqualität. In eine solche fließen Anforderungen und Erwartungen in Form von Wert- und Zielvorstellungen aller an Bildung interessierten Gruppierungen ein. Qualitätsbereiche, die sich auf die in der Schule stattfindenden Prozesse beziehen, sind:
- Lehren und Lernen
- Schulkultur
- Management und Führung
- Kooperation
- Entwicklung von Professionalität.
Die Reflexion und Evaluation richtet sich sowohl auf den Prozessverlauf als auch auf die Qualität der Ergebnisse.
Erläuterung am Beispiel "Schulkultur" an der Mittelschule Wilthen
Anhand des Qualitätsbereiches Schulkultur, der an der Mittelschule in Wilthen eine bedeutende Rolle spielt, soll exemplarisch ein Themenfächer aufgezeigt werden, um die dahinterstehenden Dimensionen einschätzen und auf andere Schulen übertragen zu können: Schulkultur bezeichnet die Gesamtheit der Ideen und Werte, der Verhaltenskonfigurationen und Symbolgehalte einer Schule. Deren Gestaltung und prägende Wirkung ist ein Prozess, der durch Entwicklungen im Umfeld der Schule beeinflusst wird, insbesondere getragen werden sollte. Zudem sollten in ihm die unterschiedlichen Ausgangslagen der Schülerinnen und Schüler durch individuelle Förderung zum Ausdruck kommen.
Qualitätsmerkmale für Schulkultur sind:
- identitätsstiftende Werte und Normen der Schule
pädagogische Ziele, Visionen, Verhaltensregeln, leistungsbezogene Erwartungen,
- positives Schulklima
soziale Qualität in der Schule, räumliche Gestaltung, Wohlbefinden der Schüler,
- Förderung leistungsstarker und leistungsschwacher Schüler
„sonder“pädagogische,geschlechtsspezifische, die soziale und/ oder ethnische sowie kulturelle Herkunft berücksichtigende Förderung.
Komplexe soziale Gemeinschaften zeichnen sich durch ein Werte- und Normengefüge aus. Sie beruhen auf generalisierten Werten, die von den einzelnen Mitgliedern in unterschiedlicher Intensität geteilt werden. Kinder und Jugendliche müssen sich innerhalb der Schule an schuleigenen Ziel- und Normsetzungen orientieren, die sich durchaus von denen in ihrem sonstigen Umfeld unterscheiden können. Mit diesen auch als Schulethos zu beschreibenden Regeln, Wertesystemen und Verhaltensnormen ist ein Kern von Schulkultur angesprochen. Neben anderen Faktoren nehmen insbesondere die durch die Lehrkräfte vermittelten Erwartungen, Vorbilder und Rückmeldungen Einfluss darauf, wie sich das Verhalten und die Einstellungen der Kinder und Jugendlichen innerhalb einer bestimmten Schule entwickeln.
Konsens unverzichtbar
Der Konsens zwischen Schulleitung und Lehrerschaft über Ziele, Mittel und Wege der pädagogischen Schulkultur ist für eine erfolgreiche schulische Arbeit unverzichtbar. Er sorgt für Stimmigkeit innerhalb des Schulgeschehens. Die Schüler sollen nicht das Gefühl haben, bei jeder Lehrkraft anderen Erwartungen und Regeln genügen zu müssen. Die Schule ist als eine pädagogische Handlungseinheit zu betrachten. Spielraum im pädagogischen Stil ist zwar notwendig, wenn man den individuellen Bedürfnissen und Neigungen von Lehrkräften und Schülern entgegenkommen will.
Einigkeit hinsichtlich der Ziele ist jedoch Voraussetzung für eine funktionierende Schule.durch die am Schulleben beteiligten Akteure: Schulleiterinnen und Schulleiter, Lehrkräfte, Eltern, Schülerinnen, Schüler sowie externe Partner. Jede Schule sollte über Werte und Normen verfügen, welche sich u. a. in gemeinsam und partizipativ ausgehandelten Grundsätzen, pädagogischen Zielen und Erwartungen gegenüber den Schülern zeigen. Werte und Normen beziehen sich auch auf ein angemessenes soziales Miteinander und spiegeln sich in einem gemeinschaftlichen Ganzen wider, das von allen in der Schule.
Die Schule als ein Ort, an dem junge Menschen einen Großteil ihres Tages verbringen und sich in ständiger Interaktion untereinander und mit Lehrerinnen und Lehrern befinden, erfordert Verhaltensregeln, die von allen geteilt werden. Die Kenntnis und die Akzeptanz konsensfähiger, allgemein akzeptierter Normen durch Schülerinnen und Schüler sind Voraussetzung für deren Einhaltung.
Über- oder Unterforderung zu vermeiden
Wichtig ist, dass Lehrkräfte diese Werte und Normen ebenfalls internalisiert haben und vorleben. Leistungserwartungen der Lehrkräfte sind dann besonders wirksam, wenn die Schülerinnen und Schüler sie kennen, akzeptieren und mittragen. Entscheidend ist, die Erwartungen auf den jeweiligen Leistungsstand der einzelnen Schülerin, des einzelnen Schülers zu beziehen, um dadurch eine Über- oder Unterforderung zu vermeiden. Verbesserungen von Leistungen sind anzuerkennen und wertzuschätzen, um dadurch die Leistungsmotivation und den Lernerfolg zu fördern.
Der Eindruck, den Lehrende und Schüler von der Schule und insbesondere von den zwischenmenschlichen Beziehungen in ihr haben, ist integraler Bestandteil des Schulklimas. Es handelt sich dabei nicht um einen aktuellen Stand („Wetterlage“), welcher sich täglich ändern kann, sondern darum,welches Bild längerfristig („Klima“) von der Atmosphäre in der Schule besteht. Von den Wahrnehmungen der Schülerinnen und Schüler hängt es ab, ob sie ein positives Zugehörigkeitsgefühl zur Schule und zu ihrer Klasse entwickeln oder ob sie eher Abweisung und Distanz erleben. Ein positives Schulklima ist eine wichtige Determinante für die Entwicklung Heranwachsender und die Effektivität des Lernens. Das wahrgenommene Klima (auch soziale Qualität einer Schule) hängt neben der Qualität der zwischenmenschlichen Beziehungen in der Schule (u. a. gegenseitiger Respekt, Vertrauen, Wertschätzung) auch von den räumlichen Bedingungen sowie den Einflussmöglichkeiten auf diese ab.
Eine gute Ausstattung (Attraktivität, Funktionalität), die Aufenthalts- und Nutzungsintensität des sozialen Raums (Aufenthaltsräume, Freizeitflächen) und vor allem die Möglichkeit für Schüler, Klassenräume und andere Räumlichkeiten mitzugestalten und zu nutzen, beeinflussen das Schulklima positiv und fördern so erfolgreiche Lernprozesse.
Leistungs- und/oder Disziplindruck
Das Wohlbefinden der Schülerinnen und Schüler wird maßgeblich von der jeweiligen Schulkultur und ihren Handlungskonzepten geprägt. Sie sind sowohl von den individuellen Fähigkeiten als auch von schulischen Prozessen abhängig. Leistungs- und/oder Disziplindruck, das Gefühl, dass Lernen einen Sinn hat, Schulfreude, Schulangst/Prüfungsangst können positiv wirken oder beeinträchtigen. Kinder und Jugendliche haben unterschiedliche Ausgangsbedingungen. Die Anerkennung von Verschiedenheit, die Differenzierung der schulischen Arbeit und die Befähigung zur Nutzung der eigenen Lernpotenziale sind für eine erfolgreiche Erfüllung des Erziehungs- und Bildungsauftrags daher unabdingbar. Mit der individuellen Förderung werden entsprechend den gesellschaftlichen Anforderungen zwei Ziele angesteuert:
• Zum einen betrifft dies die Herstellung von Chancengerechtigkeit in Hinblick auf Lebenschancen durch Bildungsabschlüsse.Es ist eines der wichtigsten bildungspolitischen Ziele demokratischer Gesellschaften, allen Heranwachsenden die gleichen Bildungschancen zu bieten, daher muss eine individuell optimale Förderung und eine Verringerung sozialer und kultureller Disparitäten der Bildungsbeteiligung und des Bildungserfolgs angestrebt werden.Zum anderen ist die Vermittlung von Toleranz und Akzeptanz gegenüber gesellschaftlicher Pluralität, d. h., eine Haltung der Anerkennung von Individuenin ihrer konkreten Einzigartigkeit und Besonderheit angesprochen.
Entwicklungsstand realistisch einschätzen
Moderne Gesellschaften weisen ein breites Spektrum an Vielfalt und Individualität auf. In ihnen sind, auch mit Blick auf interkulturelle Kontakte, Anerkennung und Akzeptanz Voraussetzung für ein tolerantes und demokratisches Zusammenleben. Nuancen und Varianten innerhalb von Qualitätsbereichen verweisen auf die Breite potenzieller Diskurse und die Vielfalt der Wege während der Entwicklung eines Schulprogramms. Schulprogrammarbeit trägt dazu bei, sich über Qualitätsansprüche in der Schule zu verständigen, den Entwicklungsstand realistisch einzuschätzen und Schritte für die künftige Entwicklung systematisch, transparent und überprüfbar zu planen.
Es sind in der Wahrnehmung der Öffentlichkeit häufig vor allem Lehrkräfte, die mit ihrer Arbeit über die Qualität von Schule entscheiden. Mit ihrem Handeln beeinflussen sie nicht nur den Lernerfolg und das subjektive Befinden der Schüler, sondern gestalten damit auch ihren Arbeitsplatz. Das Bild vom gemeinsamen „Haus des Lernens“ bezieht nicht nur sie, sondern alle Beteiligten ein, nimmt alle in die Verantwortung. Im Kollegium und mit allen am System Schule Beteiligten (Schüler, Eltern, außerschulische Partner, Schulaufsicht, Schulverwaltung, technisches und anderes Personal, Förderverein) müssen vor dem Hintergrund der konkreten Bedingungen an der jeweiligen Schule Qualitätsvorstellungen diskutiert, eigene Ziele abgeleitet, Wege zu deren Realisierung verhandelt und konkrete Maßnahmen sowie Verantwortlichkeiten bestimmt werden. Diese Aspekte sind in einem Schulprogramm schriftlich festzuhalten.
Das Schulprogramm stellt somit eine systematische, verbindliche und mit allen Beteiligten abgestimmte Arbeitsgrundlage für die Entwicklung der Schule dar, dessen Einhaltung damit auch von den Partnern eingefordert werden kann.
Datum: 17.09.2009 © www.ganztaegig-lernen.de
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